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lieh aber wird der geistige, moralische und selbst phy
sische Effekt für das Individuum wie für die Rasse so ver
schieden sein, wie Aufstieg und Niedergang, wie Leben und
Tod. Der zunehmende Wohlstand des Mannes hebt und
fördert die Frau, über die er ihn ausgießt, ebensowenig,
als der zunehmende Reichtum seiner Herrin einen Pudel
geistig oder körperlich fördert, weil er nun ein Daunen
statt eines Federkissens oder Hühnerbraten statt Rind
fleisch erhält. Je wohlhabender die Männer einer Gesell
schaft werden, um so größer wird die Versuchung sowohl
für sie selbst, als für die von ihnen abhängigen Frauen,
dem weiblichen Parasitismus zuzusteuem.
Wenn die Verbesserung der Lage der männlichen Ar
beiter zu einer gleichmäßigeren Verteilung der Güter un
ter den Männern führte, so würde dies tatsächlich ein
wenig die Tendenz zum Parasitismus unter den Frauen der
wohlhabendsten Klassen vermindern; aber es würde an
dererseits genau dieselben Vorbedingungen des Parasitis
mus für Millionen von Frauen zeitigen, die heute ein ge
sundes und tätiges Leben führen.*
Daß die zwei Probleme nicht gleichbedeutend sind, be
weist, wenn ein Beweis überhaupt nötig ist, die Tatsache,
daß jene Männer, die am eifrigsten die Umwandlung der
Lage der arbeitenden Männer anstreben, oft gerade die
* Die Tatsache kann nicht oft genug betont werden, daß der Parasitis
mus keineswegs von einem bestimmten Grad des Reichtums abhängig ist.
Irgendeine Summe, die ein Individuum soweit befriedigt, daß es sein
Leben ohne jede Arbeit hinbringen kann, vermag dasselbe zu vollstän
digem Parasitismus zu führen, während große Reichtümer (so ungesund
ihr Einfluß gewöhnlich zu sein pflegt) auf manche seltene und edle Na
turen kaum irgendeine entnervende oder verderbliche Wirkung ausüben.
Ein unterhaltendes Beispiel, wie verschieden der Grad des Reichtums
sein kann, bei dem verschiedene Frauen seinem Einfluß unterliegen, habe
ich selbst erlebt. Eine Frau, Witwe und Tochter kleiner Beamter,
kam einmal zu einer amerikanischen Millionärin. Diese bemerkte, daß
es bei ihrem Gast sowohl mit Nahrung, als Kleidung recht knapp bestellt
war und schenkte der Frau eine Hammelkeule und zwei gute Kleider.
Die aber fing nun zu jammern an, daß sie niemanden habe, um die