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hereintrat, verlangte sogleich die Klasse, daß meine Arbeit
vorgelesen werden sollte. Heuschkel ließ sich zuerst in
eine Disputation mit mir ein, in der ich jedoch Sieger
blieb. Der idealen Begriffe wegen, die ich für die wahre,
edle Freundschaft aufstellte, nannten mich einige über
spannt. Die Armen! Wenn sie heute schon so nüchtern
von der Freundschaft sprechen, was werden sie in einem
Alter von fünfzig Jahren darüber sagen! Wenn sie
schon heute nur jener spießbürgerlichen Freundschaft
fähig sind, heute als kaum ins Leben getretene Jüng
linge, wie engherzig werden sie als Greise sein! Ich
bedauere sie, diese Menschen, die schon von ihrer Geburt
an alte, bedächtige Philister sind.
Was mich aber schmerzte, war, daß auch mein Freund
Wilhelm sich unter jenen befand, die meine Verehrung
für das Wort „Freundschaft" Überspannung nannten.
Und doch weiß ich, oder glaube ich wenigstens, er be
greift mich. Es ist bloß Neckerei, Scherz von ihm, mich
überspannt zu nennen. Und doch, wüßte er, wie rauh
dieser Scherz die zartesten Saiten meines Gemütes ver
stimmt, er würde ihn lassen! Nicht um meinetwillen
schmerzt es mich, es tut mir nur weh, ihn auf Augen
blicke unter die gewöhnliche Rasse zählen zu müssen.
Heute abend spielte ich mit L., der zu mir kam, Whist.
Eine solche Ehrlosigkeit übersteigt meine kühnsten Begriffe.
Au einem Menschen zu kommen, der mir gestern die
Tür gewiesen hat! Das fasse ich nicht.
Ein widriges Gefühl ergreift mich, wenn ich Leute
wie diesen und ähnliche betrachte. Denn ich sehe in ihnen
die lebenden Gründe, warum das jüdische Volk so ver
achtet wurde. Solche Leute waren es, die es dahin