Strukturwandlungen der Weltwirtschaft
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die Erhaltung der Landwirtschaft gerichteten Bestrebungen weisen seit
den siebziger Jahren auf die »Ernährung im Kriege« hin. Auch heute
hat dies Argument die Durchschlagskraft noch nicht eingebüßt. In andern
Ländern, die im Kriege — gleichgültig ob sie an ihm beteiligt waren —
Ernährungsschwierigkeiten hatten, wirkt es gleichfalls im Sinne bestimm-
ter Beeinflussung der nationalen Produktionsgestaltung. Dies gilt sowohl
für die Schweiz, die eine Beseitigung der Schwierigkeiten mutmaßlich
im endgültigen Getreidemonopol suchen wird, wie für die®skandinavischen
Länder sowie für Holland, Italien und Spanien. Die Art der Lösung
des Problems der ernährungswirtschaftlichen Unabhängigkeit im Kriege
ist ein durchaus mitbestimmender Faktor in der strukturellen Gestaltung
der Volkswirtschaften, mag jene auf das Allgemeinwohl abgestellte
Argumentation häufig auch den Interessenten nur als Vorwand dienen.
Daß die »Sicherheitsidee« ebensowohl einen noch durchgreifenderen Bedeu-
tungswandel der einzelnen agraren Bezirke der Erde, als er ohnedies
stattgefunden hat, verhinderte als auch den agrarischen Grundzug oder
Einschlag zahlreicher europäischer Länder verstärkte, unterliegt keinem
Zweifel.
5. Die imperialistische Idee. Wir haben uns daran gewöhnt,
von politischem und wirtschaftlichem Imperialismus zu reden. Der
Wirklichkeit geschieht damit nicht Genüge, denn einerseits ist die
Motivreihe imperialistischen Zielstrebens erheblich mannigfaltiger, ander-
seits lassen sich, wirtschaftliche und politische Triebkräfte nicht eindeutig
voneinander scheiden. Daß die sieghafte Kraft des britischen Imperiums
nicht primär wirtschaftlich bestimmt ist, steht außer Zweifel, obwohl
der ökonomische Einschlag entscheidende Bedeutung hat. Imperiali-
stisches Zielstreben, wo immer es in der Geschichte auftritt, kennt stets
ineinander übergreifende Motive unterschiedlichster Art. Immer aber
war die imperialistische Idee für die raumwirtschaftliche Gliederung der
Welt von grundlegender Bedeutung und steigerte sich in dem Tempo,
als das Verkehrswesen die »wirtschaftliche Durchdringung« großer, wenig
oder gar nicht erschlossener Gebiete ermöglichte.
Die Vorkriegszeit stand ausgesprochen im Zeichen des Imperialismus.
England, Frankreich, Rußland, Deutschland, in gewissem Sinne sogar
Österreich-Ungarn, ausgeprägt Japan und die Vereinigten Staaten,
strebten nach unmittelbarer oder mittelbarer Erweiterung ihrer
Gebietsherrschaft, die sie zugleich ihren wirtschaftlichen Interessen
dienstbar machten. Die naturgemäße Folge war ein ausgesprochener
Zug zur Integration in der raumwirtschaftlichen Gliederung der
Welt. Diese vollzog sich entweder in der Weise, daß bisher selbständige
Gebiete einverleibt oder Kolonien- und Interessensphären wurden. Fast
in jedem Fall ging das Bestreben dahin, die neuerworbenen oder bot-
Weltwirtschaftliches Archiv Bd. XXV, 3