Full text: Die Arbeiterfrage in der Südrussischen Landwirtschaft

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sowohl die Akkordlöhne als auch die Fristlöhne gefallen, doch ist 
dieses Sinken ganz unbedeutend im Vergleich mit dem Sinken der 
Roggenpreise. 
Was die Reallöhne der Tagelöhner anbetrifft, so haben sich diese 
nur verschlechtert. Zwar sind die Tagelöhne für die Bestellarbeiten ge 
stiegen — um 6,8 °/o — doch kommen die Tagelöhne für Bestellarbeiter 
für die Wanderarbeiter fast gar nicht in Betracht, da die Zuwanderung 
derselben Wanderarbeiter in der Regel erst im Mai einsetzt. Zur Zeit 
der Heu- und Getreideernte aber sind die Tagelöhne bedeutend gefallen 
— um 11,8 % — und zwar viel erheblicher als die Roggenpreise. 
Vergleichen wir die Aenderungen in den Lohnsätzen mit denen der 
Rückstände, so ist leicht einzusehen, dass bei dem von uns schon oben 
betonten enormen Wachsen der Rückstände die Lebensverhältnisse für 
alle Arbeiterkategorien ungünstiger geworden sind. Aus denjenigen 
wenigen Gouvernements, wo die Rückstände sich unbedeutend vermindert 
haben, kommen die wenigsten Wanderarbeiter nach Neurussland. 
Fassen wir die Ergebnisse unserer Untersuchung der Aenderungen 
der Reallöhne der Wanderarbeiter zusammen, so ergibt sich, dass sie 
überall bedeutend ungünstiger geworden sind. Die Geldlöhne sind ge 
fallen und trotz des Sinkens der Getreidepreise sind daher die Lohn 
verhältnisse bei den Tagelöhnern ungünstiger geworden. Die Rückstände 
haben aber so sehr zugenornmen, dass sowohl für die Tagelöhner, wie 
auch für alle übrigen Arbeiterkategorien sich die Lebensverhältnisse be 
deutend verschlechtert haben. 
Weder die niedrigen Getreidepreise, noch die manchmal gestiegenen 
Geldlöhne haben die Lage der Landarbeiter in Südrussland gebessert, 
da es immer die Rückstände sind, die wie eine mit zunehmender Schwere 
drückende Last auf die Bauern in den meisten russischen Gouvernements 
liegt und jede Besserung ihrer Lage bei dem gegenwärtigen Zustand der 
Agrarverhältnisse in Russland unmöglich macht. 
S VI. Nahrungszustände. 
1. Nahrungszustände der Wanderarbeiter. 
Da die Wanderarbeiter sich nur mit grosser Mühe und Not zum 
Wandern ausrüsten können, indem sie oft auch ihre letzten Wirtschafts 
gegenstände verkaufen oder verpfänden, so ist es leicht zu verstehen, 
dass ihr Reisegeld ungemein knapp ist. 
Dieser Knappheit an Geldmitteln wegen rüsten sie sich so zu ihrer 
Wanderung aus, dass sie kein bares Geld für die Nahrung zu veraus 
gaben gezwungen sind. Sie nehmen sich von zu Hause soviel Nahrungs
	        
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