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Pacht und Leihen auf Zins.
nannte, waren voll zahlungsunfähiger Schuldner, die für den
Herrn arbeiteten, bis sie den Betrag ihrer Schulden bezahlen
konnten; sie kamen nie damit zu Ende. Sogar später, nach
Abschaffung dieser Sitten, war das Leben für die zahlungs
unfähigen Schuldner sehr hart.
Wer „Klein Dorrit" von Dickens gelesen hat, weiß, daß
es die Geschichte eines armen, zahlungsunfähigen Schuldners
ist, der sein ganzes Leben, oder wenigstens dreißig Jahre
seines Lebens, wegen Schulden im Gefängnis verbracht hat;
dort schloß man die zahlungsunfähigen Schuldner ein, bis sie
ein Mittel zur Bezahlung gefunden hatten; und da man im
allgemeinen nicht gerade im Gefängnis Mittel zum Geldver
dienen findet, so blieben viele von ihnen ihr ganzes Leben
dort und starben dort sogar. Nun ist die Einsperrung wegen
Schulden, die sogenannte Schuldhaft, erst in jüngster Zeit
abgekommen. In Frankreich wurde sie z. B. erst 1867 ab
geschafft.
Wenn man an die Millionen Leute denkt, die in allen
Ländern ihre Schulden nicht haben bezahlen können und all
das erlitten haben, von dem wir eben nur eine so schwache
Vorstellung gegeben haben, so begreift man den Wutschrei, der
durch die Jahrtausende erklungen ist; man begreift auch nicht
nur die Anklagen der Schuldner gegen die Gläubiger, sondern
auch die Proteste der Größten in der Welt, von Gesetzgebern
wie Moses, der in seinen Gesetzen den Israeliten gesagt hat:
„Du darfst dem Fremdling auf Zins leihen, aber niemals
Deinem Bruder". Man begreift Denker wie Aristoteles, dessen
ironisches Wort wir soeben angeführt haben; ja selbst so
harte Römer wie den alten Cato, der gesagt hat: „Was ist auf
Zins leihen? Dasselbe wie Meuchelmord". Ferner versteht
man die ganze katholische Kirche, die durch den Mund ihrer
Kirchenväter wie durch Dekrete der Konzilien dagegen eiferte.
Doch können wir hier glückerlicherweise feststellen, daß
diese Frage viel von ihrer Schärfe verloren hat, genau wie
die Pachtfrage. Nachdem sie Jahrtausende mit Lärm erfüllt
hat, ist jetzt Stille eingetreten.
Zwar schrieb 1849, vor mehr als siebzig Jahren, noch
Bastiat folgende Worte: „Der menschliche Gefst kann sich,
außer mit den religiösen Fragen, mit keiner ernsteren befassen
als der der Rechtmäßigkeit des Zinsennehmens". Aber heut
zutage erregt das Zinsproblem die öffentliche Meinung noch
weniger als das religiöse. Man versteht nicht nur die Bann
flüche gegen das Zinscnnehmen nicht inehr, sondern im Gegen-
Gide, Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre. 5