Full text : Material zur Lage der Bergarbeiter während des Weltkrieges

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Aus  Oberschlesien  wird  schon  lange  über  zu  geringen  Lohn
und  zu  starken  Druck  zum  Verfahren  von  Ueberschichten  geklagt.
Da  den  Arbeitern  die  Behandlung  zu  bunt  wurde,  brach  am
12.  Februar  auf  der  C  a  st  e  I  l  e  n  g  o  g  r  u  b  e  ein  teilweiser
Streik  aus.  Man  vermutete  aber,  daß  Vertrauensleute  der
Bergarbeiterorganisationen  den  Streik  angezettelt  hätten.  Das
ist  durchaus  unrichtig.  Zum  Beweise  bringen  wir  einen  Brief,
welchen  unser  Vertrauensmann  unserer  dortigen  Zahlstelle
Rokittnitz  an  die  Bezirksleitung  in  Kattowitz  schrieb,  hier  zum
Abdruck,  welcher  darüber  Auskunft  gibt:
„Rokittnitz,  den  12.  Febr.  1915.
Werter  Kam  erad  st
Ich  mache  Dir  die  wenig  erfreuliche  Mitteilung,  datz  hier  auf  der
Castellengogrube  ein  wilder  Streik  ausgebrochen  ist.  Es  hat  sich  folgendes ­
  zugetragen:  Mitwoch,  den  10.  Februar,  sollten  wir  wieder
Fünfviertelschicht  arbeiten.  Da  bleiben  die  Schlepper  früh  am  Schacht
stehen.  Sie  wurden  gefragt:  „Warum?"  worauf  sie  antworteten:
„Wir  wollen  keine  Fünfviertelschicht  arbeiten,  denn  es  kam  schon  öfter
vor,  datz  Fünfviertelschicht  ausgeschrieben  und  dann  um  4  Uhr  Schicht
geschlagen  wurde,  anstatt  um  3  Uhr."  Die  meisten  Leute  haben  schon
die  Förderung,  das  bekannte  Pensum  auf  Fünfviertelschicht  gefördert,
denn  jeder  eilt  sich  schon  gleich  früh  mit  der  Arbeit.  Kurz  und  gut,
die  Verwaltung  trachtet  nur  nach  billiger.  Förderung.  Auch  ist  es  nicht
gut,  die  Kameraden  so  lange  am  Schacht  zu  halten.  Wenn  wir  wirklich ­
  Fünfviertelschicht  arbeiten,  da  müssen  wir  pünktlich  zur  Minute
bis  fünf  Uhr  vor  Ort  sein.  Dann  geht  erst  die  erste  Schale  nach  oben
und  dauert  bis  sechs  Uhr,  denn  wir  fahren  hier  von  zwei  Flözen  aus
und  da  kommen  die  meisten  Kameraden  erst  um  7  Uhr  nach  Hause,
denn  es  ist  hier  überall  weit  zu  gehen.  Das  ist  empörend.  Auf  anderen ­
  Zechen  wird  das  wirklich  anders  gehandhabt.
Auf  die  Antwort,  die  die  Schlepper  gaben,  datz  sie  keine  Fünfviertelschicht ­
  arbeiten  wollten,  wurde  den  Schleppern  gesagt:  „Ihr
braucht  das  ja  nicht."  Dann  kamen  die  Steiger  unter  Tage  und  sagten,
datz,  wer  vor  3  Uhr  Schicht  macht,  bestraft  wird.  Es  standen  denn  auch
wirklich  drei  Steiger  am  Schacht,  welche  jeden  Arbeiter  aufschrieben.
Die  Seilfahrt  fing  erst  um  334  Uhr  an,  anstatt  um  3  Uhr.  Es  war
ein  Gejohle  und  ein  Gedränge.  Dann  blieben  die  Leute  alle  stehen  und
-wollten  den  Bergverwalter  sprechen.  Dieser  hat  dann  den  §  2  der
Arbeitsordnung  verlesen  und  gesagt,  datz  wir  von  morgens  6  Uhr  bis
nachmittags  3  Uhr  arbeiten  müssen;  dann  müssen  die  ersten  schon  um
5  Uhr  früh  einfahren  und  die  letzten  um  4  34  Uhr  nachm,  ausführen.
Es  fahren  immer  vier  Schalen  vom  Pochhammerflöz  und  dann  zwei
Schalen  vom  Oberbankflöz  aus.  Also  immer  abwechselnd.  Eine  wirklich ­
  miserable  Seilfahrt.
            
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