Kapitel IV. Die Anarchisten.
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streitet, daß sie von Bakunin stamme, die aber doch, wenigstens zu
einer gewissen Zeit, seine eigenen Gedanken widergespiegelt zu haben
scheint, — predigt er ohne Einschränkung die Vernichtung um der
Vernichtung willen, „Die gegenwärtige Generation“, wird dort gesagt,
„muß alles, w r as existiert, ohne Unterschied blind zerstören, nur von
dem einen Gedanken beseelt: so viel wie möglich und so schnell wie
möglich“ x ). Was die Mittel betrifft, so kommen die verschiedensten
in Betracht: „Gift, Dolch, Strick usw. In dieser Hinsicht heiligt die
Revolution alles. Das Feld ist daher frei“ 2 ). Bakunin hat stets
eine Neigung für die Rolle eines Verschwörers gehabt. Man findet
in den „Statuten der internationalen Brüder“, die die Leitsätze und
Vorschriften einer Art revolutionärer Brüderschaft sind, die er 1864
schuf, Stellen, die eine fast ebenso leidenschaftliche Wildheit atmen
wie der berühmte „revolutionäre Katechismus“ von Netschajeff 3 ).
Es ist jedenfalls schwierig, einen noch kräftigeren Ausdruck der
revolutionären Verzweiflung zu finden, als die folgende Stelle der
Statuten der internationalen sozialistischen Alliance,
des wirklichen Programms der Anarchie, die den Gedanken Bakunin’s
richtig auszudrücken scheint, und mit der wir diese Darlegung-
Schließen. „Wir wollen“, schreibt er, „die allgemeine, gleichzeitig
soziale, philosophische, wirtschaftliche und politische Eevolution, da
mit von der gegenwärtigen Ordnung der Dinge, die sich auf das
Eigentum, auf die Ausbeutung, auf die Unterdrückung und auf das
Prinzip der Autorität gründet, sei das nun eine religiöse, meta
physische oder bürgerlich-doktrinäre, oder sogar eine revolutionär
jakobinische Autorität, — damit von dieser Ordnung zunächst in Europa,
und dann in der ganzen Welt auch nicht ein Stein auf dem anderen
bleibe. . . . Mit dem Rufe; Friede den Arbeitern, Freiheit allen
Unterdrückten, Tod den Unterdrückern, Ausbeutern und Bevormündern
aller Art wollen wir alle Staaten und alle Kirchen zerstören, mit
*) Bakunin’s sozial-politis eher Briefwe ehsel, S.361. In Wirklichkeit
handelt es sich hier um eine Proklamation an die russische Jugend, erlassen in dem
Augenblick, als der Zar Alexander II., nachdem er mit der Aufhebung der Leibeigen
schaft dem Liberalismus entgegengekommen war, zu dem System der Unterdrückung
und der grausamen Vergeltung seines Vaters Nikolas I. zurüokkehrte und dadurch
die Fortschrittsparteien um so mehr zur Verzweiflung trieb, als sie für einen Augen
blick die Pforten der Freiheit sich hatten öffnen sehen. Auch befand sich gerade
in diesem Augenblick Bakunin unter dem Einfluß eines skrupellosen Fanatikers,
Netschajeff, dessen wilde und düstere Energie, gepaart mit einer Art Mystizismus
des Verbrechens im Dienste der Eevolution, vorübergehend Gewalt über ihn erlangt
hatte. Später hat er energisch diese verbrecherischen Taten verurteilt und erklärt,
getäuscht worden zu sein.
2 ) Ebenda,
3 ) Der französische Text dieses Katechismus findet sich in Bakunin’s
sozial-politischem Briefwechsel.