Die Entstehung der Rassen und Völker.
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zroßer geologischer Umwälzungen und größter Variabilität entstehen. Lange dauernde
Isolierung und Inzucht habe dann die heutigen Hauptrassen in ihrer morphologischen
Figentümlichkeit erzeugt und befestigt; die später eintretende definitive Gestaltung der
Erdoberflüche und Meere habe zu ähnlich tiefeinschneidenden Wanderungen und Art—
bildungen der Flora und Fauna, wie der Menschen nicht mehr Anlaß geben können.
Die Scheidung der Rassen in Stämme und Völker sei nun unter anderen Bedingungen
erfolgt: nicht mehr so große räumliche Trennungen, so lange Inzucht, so verschiedene
stlimate und Lebensbedingungen hätten hier gewirkt, sondern nur eine Scheidung zwischen
bisher nahen, unter ähnlicher Lebensbedingung stehenden Menschen. Die Scheidewände,
welche die Stammes- und Volksorganisation, die Religion, die verschiedene Kultur—
entwickelung in der prähistorischen und historischen Zeit erzeugt haben, könnten nicht so
große wie die einst zur Zeit der Rassenscheidung vorhandenen Schranken gewesen sein.
Die Hypothese Wagners hat jedenfalls viel Wahrscheinlichkeit für sich. Sie
erklärt, warum die Rafsenscheidung eine viel stärkere war als die Völkerscheidung, warum
in historischer Zeit keine neuen Rassen entstanden seien, was bei Darwins Annahme
von stets fortdauernden Ursachen ganz unklar bleibt. Indem Wagner an die geologische
Beschichte der Erde und an die Wirkung sehr großer Zeiträume für die Rassenbildung,
kürzerer für die Völkerbildung anknüpft, wird die größere Konstanz und die schärfere
Ausbildung der Rasseneigentümlichkeiten verständlich. Durch die Heranziehung zahlreicher
anderer Ursachen, wie der geologischen Epochen und des Klimas, der Dauer der Inzucht
aund der Geschlossenheit der Rassenelemente, der Ernährung und Lebensweise neben der
Zuchtwahl und dem Kampf ums Dasein wird auch begreiflicher, warum einzelne Rassen
and Völker unendlich lange Zeiträume hindurch stabil blieben, andere sich zu höherer
Daseinsform entwickelten oder zurückgingen. Vieles bleibt freilich auch bei ihm noch
dunkel: z. B. ist die Annahme einer größeren Variabilität zur Zeit der Rassenbildung
durch keine strengen Beweise erhärtet. Das Maß, in welchem die verschiedenen Einflüsse
auf die Bildung von Rassen und Völkertypen wirken, ist noch ganz unaufgeklärt. Wir
werden nachher auf einiges derart, z. B. auf das Klima und die Erziehung sowie auf
die. Rassenmischung zurückkommen.
Auf die heute zwischen den Darwinianern und Weismann geführte Kontroverse,
in welchem Maße und durch welche physiologischen Prozesse einzelne von den Eltern
erworbene Eigenschaften auf die Kinder übergehen und vererbt werden, können wir hier
nicht näher eingehen. Wir wollen nur sagen, daß man wohl seit Lamarck und Darwin
(durch die Theorie der Pangenesis) diese Vererbung etwas überschätzte. Der Schwieger—
sohn Darwins, Francis Galton, hat selbst 1889 seine weitergehenden Ansichten von
1869 etwas beschränkt. Nur daran ist wohl doch festzuhalten, daß auch Weismann
und seine Schule die successive Umbildung des Rassen- und Völkertypus nicht leugnen;
sie verlegen die Ursachen nur an andere Punkte, etwas weiter zurück, glauben an eine
definitive Umbildung des Typus im ganzen nur durch Einflüsse, welche länger. Gene—
rationen hindurch, dauern.
UÜber das Maß der möglichen und wahrscheinlichen Variabilität von Generation
zu Generation, von Jahrhundert zu Jahrhundert wissen wir heute auch noch recht wenig.
Balton führt als Beispiel, wie mit der steigenden Zahl von Ahnen der Anteil des
einzelnen an den Eigenschaften der Nachkommen abnehme, solgende Zahlen, aber ganz
hypothetisch an: Wenn ein Kind ꝰ*/10 von seinen Eltern hat, !/10 seines Wesens als
individuelle Variation sich darstellt, so haben seine Eltern nur *10 von 810 SI100
ovon ihren Großeltern, 7298/1000 von ihren Urgroßeltern; gehen wir über das 50. Glied
zurück, so hat das Kind nur 5000 von jedem seiner Ahnen. Es ist aber einzuwerfen,
daß, wenn diese Ahnen sich alle glichen oder, was waährscheinlicher, der größere Teil
derselben viele Dutzend male in den genealogischen Linien sich wiederholt, doch die Ver—
änderung keine große zu sein braucht. Und weiter, daß die Kette rückwärts schon bei
zeringer Zahl der Generationen sehr große Epochen umfaßt. Rümelin erinnert daran,
daß der 11. unserer Ahnen mit Luther, der 82. mit Karl d. Gr. lebte und der 60.
wahrscheinlich auf den Steppen Hochasiens dem Thor und dem Odin Pferde schlachtete.