Wirkung von Klima, Lebensweise und Erziehung auf den Rassentypus. 145
gemäßigten Klima. Ein solcher Völkerkenner wie Livingstone betont immer wieder, die
Rtasse sei viel wichtiger als das Klima; ich möchte sagen; was wir mit Rasse bezeichnen,
sind die innersten, intimsten, seit Jahrtausenden natürlich-physiologisch fixierten, nur
sehr schwer modifizierbaren Ursachen; um diese lagern sich in weitem Umkreife, immer
weniger, immer indirekter wirkend, die äußeren Naturverhältnisse. Der Zusammenhang
und die Wechselwirkung zwischen den centralen und peripherischen Ursachen bleibt; der
Mensch ist nicht unabhängig von der äußeren Natur, aber die Abbängigkeit nimmt mit
der Kultur ab.
Niedrigstehende Rafsen sterben in ungewohntem Klima, höhere wissen durch geschickte
Ldebensführung sich anzupassen, zu erhalten; sie werden zwar durch Verpflanzung in
anderes Klima in einzelnen Beziehungen andere, aber nie werden sie das, was die stets
dort lebenden Rassen sind.
Ist es richtig, daß die Variabilität früher größer war, daß die physiologische
Umbildung des Rassentypus zu gewissen, für immer feststehenden Resultaten führte, so
ist es auch sehr leicht verständlich, daß alle Umbildung durch äußere Einflüsse heute
hre festen Greuzen hat, daß man sagen konnte, jedenfalls nicht das Klima, in dem die
Kaukasier in den letzten Jahrhunderten, sondern das, in dem sie früher viele Jahrtaufende
lebten, hätte ihnen seinen Stempel aufgedrückt. —
Zu den äußeren Einflüssen, welche auf die körperliche und geistige Konstitution
der Menschengruppen wirken, gehören nun auch Lebensweise, Beschäftigung, Ernährung
uind Erziehung. Bleiben wir zunächst bei den drei ersteren, so haben sie sicher einen
zrößeren Einfluß als das Klima; soweit das letztere wirkt, geschieht es wesentlich durch
sie. Wenn Ratzel sagt, der Araber erhielt als Hirte, Romade, Reiter, Räuber mit der
Zeit anders gebaute Gliedmaßen als der Agypter, der seit Jahrtausenden Lasten trägt,
hackt, pflügt, Wasser schöpft, so hat er sicher recht. Die auf solche Weise ausgebildete
Verschiedenheit der Völkertypen setzt sich in der socialen Klafsenbildung fort, wie wir
unten sehen werden, hat aber innerhalb desselben Volkes immer ein Gegengewicht in
der Blutsmischung der Klassen und der einheitlichen geistig-moralischen Atmosphäre,
welche auf die Völker im ganzen wirkt. Diese Gegenwirkungen fehlen, soweit getrennt
wohnende Stämme und Völker durch verschiedene Lebensweise und Beschäftigung
differenziert werden.
Ob die Erziehung und aller Einfluß geistiger Faktoren, wie Sprache, Sitte,
Recht, all' das, was wir oben (S. 15 ff.) unter dem Begriff der geistigen Kollektiv—
räfte zusammengefaßt haben, den Rassen- und Völkertypus überhaupt beeinflusse und
in welchem Maße, ist eine vielerbrterte Frage. Locke, Hume, Helvetius, Lamarck und
eeine Nachfolger, heute die Socialisten und manche Sociologen, z. B. Babington, find
zeneigt, auf diese Ursachen allein den Volkscharakter wie den der Individuen zurück—
zuführen. Die Theorie von der Wirkung des „Milieu“ wird überspannt: sociale und
Erziehungseinrichtungen sollen aus jedem Menschen alles machen können. Es ist die
der Überschätzung des Natureinflusses entgegengesetzte UÜbertreibung.
So viel uͤst richtig, daß der einzelne, die Klasse, das Volk zwar einerseits unter
der Herrschaft ererbter Eigenschaften, Instinkte, unbewußter Gefühle und Willens—
cegungen, andererseits aber untier dem Einfluß des großen geistigen Fluidums stehen,
das sie umgiebt, das durch Nachahmung, Erziehung und gesellschaftliche Berührung
wirkt. Die Abgrenzung dieser zwei Ursachenreihen ist um so schwieriger, als jede
dauernde Wirkung der letzteren Art zu Sitte und Gewohnheit wird, sich nach und nach
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der vererblichen Faktoren überzugehen. Ist so der Gegensatz der erblichen und der durch
zeistige Beeinflussung neu geschaffenen Eigenschaften kein schroffer, sondern nur ein
gradueller, so ist damit auch zugegeben, daß die durch Erziehung oder sonstwie erfolgende
Äbstempelung der Individuen und weiterer Kreise eben in dem Maße Typen bildend
sei, als es sich um dauernde Einflüsse handelt. Es ist klar, daß die geistige Umgebung,
die dauernd in gewisser Richtung wirkt, zu einer Stütze und Voraussetzung für gewisse
Züge des Volks- und Rassencharakters wird. Zugleich aber werden wir betonen, daß
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. 10