Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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schaffen,  so  geschah  dies  nur,  um  die  Sache  nicht  übers  Knie  zu  brechen.
Es  ward  beschlossen,  den  Parteitag  schon  nach  zwei  Jahren  zu  wiederholen ­
  und  dann  die  Organisationsfrage  zu  beraten.  Mit  der  Veranstaltung
dieser  zweiten  Zusammenkunft  wurden  die  Berliner  Parteigenossen  betraut,
denen  der  von  Paul  Singer  und  Oskar  Schütz-Breslau  präsidierte
Parteitag  seinen  besonderen  Dank  für  die  Unterstützung  seiner  Arbeiten
und  alle  ihm  sonst  erwiesene  Gastfreundschaft  aussprach.
Bei  der  Berichterstattung  über  den  Preußentag,  die  am  17.  Januar  1905
in  den  Wahlkreisen  Berlins  erfolgte,  ward  in  allen  Versammlungen  dem
Gefühl  der  Zufriedenheit  mit  den  Arbeiten  des  Kongresses  freudiger  Ausdruck ­
  gegeben.  Lier  und  da  erörterte  man  auch  die  Fragen  der  Straßendemonstrationcn
  und  des  politischen  Streiks,  jedoch  noch  wesentlich  als
abstrakte  Fragen  bloßer  Möglichkeiten.  Da  brach  Rußlands  Revolution
aus  mit  ihren  gewaltigen  Massenstreiks,  und  die  überraschenden  ersten
Erfolge  dieser  letzteren  wirkten  auch  auf  Deutschland  zurück.  In  21  großen
Volksversammlungen,  die  sämtlich  überaus  stark  besucht  waren,  gaben  schon
am  9.  Februar  1905  die  Arbeiter  Berlins  ihrem  solidarischen  Empfinden
für  den  russischen  Freiheitskampf  Ausdruck,  immer  mehr  richteten  sich
die  Augen  nach  Rußland,  und  es  ist  nur  begreiflich,  wenn  in  der  ersten
Begeisterung  übertriebene  Erwartungen  an  den  dortigen  Kampf  geknüpft
und  aus  den  ersten  Erfolgen  der  russischen  Streiks,  bei  denen  ja  die  Arbeiter
die  große  Masse  des  Bürgertums  auf  ihrer  Seite  hatten,  übertriebene
Folgerungen  abgeleitet  wurden.  Sie  fanden  leidenschaftliche  Vertreter  in
einigen  schriftstellerisch  und  rednerisch  begabten  Genossen,  und  die  so  geschaffene ­
  Stimmung  machte  sich  auch  in  Gewerkschaftskreisen  bemerkbar.
Aber  aus  Gewerkschaftskreisen  kam  auch  die  erste  Gegenströmung.
Maßgebende  Leiter  der  deutschen  Gewerkschaftsbewegung  erblickten  in
der  Propagierung  der  Maffenstreikidee  eine  Schädigung  der  organischen  Entwicklung ­
  der  Gewerkschaften,  und  auf  dem  Kongreß  der  freien  (sozialistischen)
deutschen  Gewerkschaften,  der  zu  Pfingsten  1905  in  Köln  tagte,  fand  mit
allen  gegen  eine  Stimme  eine  von  Th.  Bömelburg  beantragte  Resolution
Annahme,  die  „alle  Versuche,  durch  die  Propagierung  des  politischen  Massenstreiks ­
  eine  bestimmte  Taktik  festlegen  zu  wollen,  entschieden  zurückweist".
Weniger  noch  der  Wortlaut  der  Resolution,  als  die  zu  ihrer  Motivierung
gehaltenen  Reden,  erregten  in  denjenigen  Parteikreisen,  in  denen  die  obengeschilderte ­
  Stimmung  obwaltete,  lebhaften  Anwillen,  und  das  zeigte  sich
unter  anderem  in  einem  Teil  der  Versammlungen,  in  denen  am  22.  August  1905
die  Sozialdemokraten  Berlins  in  den  verschiedenen  Wahlkreisen  zum  bevorstehenden ­
  Parteitag  der  Gesamtpartei  Stellung  nahmen.  Von  einer  anderen
Seite  her  behandelte  am  23.  August  1905  in  einer  von  3—4000  Personen
besuchten  Versammlung  im  Feenpalast  die  Frage  ».  R.  Friedeberg.  Er
entwickelte  in  einem  Vortrag  über  „Weltanschauung  und  Taktik  des  deutschen
Proletariats"  einen  antiparlamentarischcn  Sozialismus,  den  er  als  „Anarcho-Sozialismus"
  bezeichnete  und  dessen  Aktionsprogramm  in  der  Idee  des
großen,  umwälzenden  Generalstreiks  gipfelte.  Eine  in  diesem  Sinne
formulierte  Resolution  fand  in  der  stark  von  lokalistischen  Gewerkschaftlern
besuchten  Versammlung  Annahme,  rief  aber  in  sozialdemokratischen  Kreisen
nun  eine  Ablenkung  der  Kampflinie  in  der  Richtung  gegen  links  hervor.
Noch  vor  dem  Zusammentritt  des  Parteitags,  der  vom  17.  bis  23.  Sep-
            
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