Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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tember  1905  in  Jena  tagte,  fand  am  12.  September  in  einer  Versammlung ­
  des  Wahlvereins  des  sechsten  Berliner  Wahlkreises  eine  Disputation ­
  über  „Weltanschauung  und  Taktik"  statt,  in  der  von  sozialdemokratischer ­
  Seite  Rehbein  als  Hauptredner  gegen  Friedeberg  auftrat.  In
Jena  selbst  wurde  nach  einem  mit  großer  Verve  vorgetragenen  Referat
August  Bebels,  dem  eine  lange  und  lebhafte  Debatte  folgte,  mit  überwältigender ­
  Mehrheit  eine  von  Bebel  beantragte  Resolution  angenommen,
in  welcher  der  Massenstreik  als  politisches  Kampfmittel  anerkannt  wird.
Aber  Bebel,  der  im  Referat  beiläufig  gegen  l)r.  Friedebergs  Generalstreikidee ­
  polemisiert  hatte,  wandte  sich  in  seinem  Schlußwort  auch  gegen  Rosa
Luxemburg,  die  mit  dem  Ausspielen  des  „russischen  Vorbildes"  in  Deutschland ­
  besonders  stark  operierte,  und  bald  trat  diese  Frage  wieder  in  den
Hintergrund.  Sie  wäre  vielleicht  von  Anfang  an  ruhiger  erörtert  worden,
wenn  sie  nicht  mit  der  Frage  jenes  Stückchens  Generalstreik  innerlich  verwandt ­
  gewesen  wäre,  das  Arbeitsruhe  am  1.  Mai  heißt  und  gegen  das
der  Gewerkschaftskongreß  in  Köln  ebenfalls  Stellung  genommen  hatte.
Auf  die  Mehrheit  der  in  der  Partei  tätigen  Sozialdemokraten  Berlins
wirkte  jener  Beschluß  wie  eine  Herausforderung,  und  das  ttat  in  den  Versammlungen, ­
  die  sich  auf  den  Parteitag  bezogen,  besonders  lebhaft  hervor.
Eine  der  Lauptaufgaben  des  Jenaer  Parteitages  war  die  Schaffung
eines  neuen  Organisationsstatuts  für  die  Partei.  Eine  vom  Bremer  Parteitag ­
  behufs  Ausarbeitung  eines  Entwurfs  eingesetzte  Kommission  hatte  das
Ergebnis  ihrer  Beratungen  im  Frühjahr  1905  bekanntgegeben,  und  bald  ward
ihr  Werk,  wie  anderwärts,  so  auch  in  Berlin,  lebhaft  diskutiert.  Öffentlich
geschah  dies  zuerst  im  Wahlverein  des  zweiten  Berliner  Reichstagswahlkreises, ­
  wo  Wilhelm  Pfannkuch  am  20.  Juni  ein  Referat  über  den
Kommissionsentwurf  hielt.  Der  Entwurf,  der  in  den  meisten  Punkten  später
Annahme  fand,  stellte  den  Aufbau  der  Partei  mehr  noch  als  es  bisher  der
Fall  auf  eine  föderative  Basis;  der  Wahlverein  des  Reichstagswahlkreises
ist  die  Grundeinheit  der  Organisation,  diese  Wahlvereine  schließen  sich
nach  Bezirken  (Provinzen)  zu  Bezirksverbänden  und  diese  zu  ganzen  Landesverbänden ­
  zusammen  —  alles  in  voller  demokratischer  Selbstverwaltung.
Aber  der  Föderalismus  ist  nicht  absolut.  Das  zentralistische  Element  vertreten ­
  der  Parteitag  und  die  von  diesem  gewählten  Parteiinstanzen  (Parteivorstand ­
  und  Parteikontrollcure),  nur  daß  das  Recht  der  Vertretung  auf
dem  Parteitag  den  Organisationen  nicht  nach  Mitgliederzahlen  zugesprochen
ward,  sondern  jeder  Wahlkreis  höchstens  drei  Delegierte  entsenden  durfte.
Gegen  diesen  Punkt  namentlich  wendete  sich  eine  starke  Opposition  in  Berlin,
da  auf  Grund  seiner  in  der  Tat  die  Riesenwahlvereine  Berlins,  die  soviel
für  die  Partei  leisten,  gegenüber  sehr  wenig  leistenden  Vereinen  schlecht
davonkommen.  Ein  weiterer  Stein  des  Anstoßes  für  einen  großen  Teil  der
Berliner  Genossen  waren  die  Bestimmungen,  gemäß  deren  der  „Vorwärts"
Zentralorgan  der  Partei  bleiben  und  vom  Parteivorstand  im  Verein  mit
der  Berliner  Preßkommission  verwaltet  werden  sollte.  Lind  schließlich  machte
sich  auch  von  neuem  Opposition  gegen  die  Bestimmung  Luft,  wonach  die
Reichstagsabgeordneten  schon  kraft  ihres  Reichstagsmandats  auf  den  Kongressen ­
  Sitz  und  Stimme  haben  sollten.  All  das  ttat  in  den  Versammlungeil ­
  vom  22.  August  zutage,  die  dem  Patteitag  galten,  wenn  es  auch
nicht  in  allen  Versammlungen  durchdrang.  Im  vierten  Wahlkreis  z.  B.
            
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