Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

Wvcmöenbuvger JerLung. 
»M«it fit G u> «tsthM-ck 
Ruppiu, Tempil« r-ud angrenzende Kreise. 
»«SS-* Organ für dir "3S{iS‘ 
Sarfe Interessen der arbeitenden Klassen LL.'L'tLLPL 
uiKTj? s —- wk- .sH. 
S:t Liefern^ durch den vri-ftri^c Für die Aedaktion »eronlwortlich: F. Ewald. Druck und Verlag: F. Ewald in vrandenbmg c. H. «.-kk-mezeile 25 Pf. 
<*’« Hau«. frtcbflllion und Sxpedill-n: El. «nnenslraße SÄ. - Expedition in Ralhinow: H. Kaymllng, Sl. Baustraße >5. 
itr. I. vounnstaa, den 1. Januar 1891. 5. Zahrg. 
Des Ncujahrsiages wegen erscheint 
die nächste Nummer dieser Zeitung am 
Freitag Mend. 
Abonnements Einladung. 
Vom I. Januar ob erschein! die „Brandenburger 
Heilung". sowie da« „Raihenowcr VollLblalt" unter dem 
gemeinsamen Titel „Brandenburger Zeitung. Voll«blr.t> 
kür Ost. und Wcsthivelland, Ruppln. Tcmplin und an 
grenzende Kreise" in bedeutend vergrößertem Formal. 
Unsere Zeitung will dem Volle ein gewlffeuhaster Führer 
sei» in dem lobenden Kampse der PaNeien. Sie wird nur 
da« eine Ziel in, Auge haben: mit alle» zu Gebote stehenden 
gesetzliche» Mitteln dir Bcsrcimia der Arbeiter an« den 
FZscln de« Kapiiallsmu» zu erwirken. Sie wird ein Hort 
für nde Bedrängten, eine Waffe gegen olle Unlcrdrückcr 
'seiiit sie wird stet» zu finden sein aus der Seite, die für 
Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit kämpft. Sie wird 
außer belehrenden Leitartikeln eine umfangreiche Politische 
Uebersicht, sowie Sozialpolitische« bringen: ebenso werden 
wir ein spannende» Feuilleton au« der Feder eine« berühmten 
Schriftsteller«, Lokale» und Vermischte» bringen, sodaß auch 
die Frauen bedacht sein werden. 
Wir eröffne» vom I. Januar ab ein neue» Abonneinenl 
zuul Preise von 9)1. 1.75 vierreljährllch frei in'« Hnu«. 
inonailich M. 0,60, durch die Post bezogen 9)1. 1,90, beim 
Abholen an» unserer Expedition vierteljährlich M. 1,50 oder 
monollich M. 0.50. 
Unsere Zeitung dars in keinem Haushalt fehlen, darum 
aus! tkue Jeder seine Schuldigkeit. 
Die Redaktion und Expedition. 
Wer'denkt an ihn noch, wer noch fragt: 
Wa« niag di« Meinung Bitmarck'ä sein? 
Und wär er auch vom An» gejagt, 
Sein Wort'könnt' doch Bcwicht noch leih'n. 
Roch ruht er nicht in seinem Grab, - 
Doch Mehr tt» todt' ist .•« verschollen - 
Wer gieb! mit ihn, sichjetzt noch ab, 
Mag er nun grollen oder schmollen. 
„Fn seine» Nicht« durchbohreudcm Gefühl' 
Wie klein, wie Ileinlich er sich zeigt! 
Kaum für den Spott ein würdig Ziel — 
Man zuckt die Achseln und man schweigt. 
Unb'bit Partei, die so verhaßte. 
Die Jener z» vernichten glaubt'. 
Die er mit Acht und Ban,r"umsaßie. 
Wie hebt sie heut stolz ihr. Haupt' 
Un« trägt nicht eure'Emzelwelle 
Empor wie leichten Meereischaum. 
Die jetzt im Glanz empor sich schwelle. 
Und die im Nu verschlingt der Raum. 
Wir ivuneln lies aus feilem Grunde. 
Wir wachsen in dem ®hmu der Zeiten. 
Und Well' aits Welle, Stund auf Slundi 
Wird.machtlo» über un» hingleiten. 
Wir sind die Men schwer», unvcrzag! 
Führt un« ihr Geist pu n«uen Siegen - 
Wer gegen sie zu kämplcn wag«. 
Ob früh. ob spat, muß uniciliczen. 
Mag tu dem Strom der Zellen' schwinden 
Nun da« vergangene F»hr dahin. 
Da« arnc wird bereit »n« finden 
Zu neuem Kamps mit mulh'gem Wntl. 
Unwiffensteil und Sklave! zu erhallen, sic politisch und 
ökonomisch aurznbeulcn — nach dem Griindsatzc de« „Theile 
und-herrsche!" die Klaffet! mit eiiianbrr zu verhetzen, io 
würde sich Jeder entsetzt »o» ihnen adioenden oder vielmelti 
sich berufen fühlen, solche» Feindest der Menschheit nnd der 
Menschstchkcis gründlichst da« Handwerk zu lege». Allein 
die „umwälzenden Elcnicnte" werfen einen Schafspelz über 
Ihr Wolk»sell — sie- neunen sich Freunde der Ordnung, 
Vertheidiger der Zivilisation »nd bezeichnen — mit dem 
bekannte» Diebskniff — Diesctiigen al» „Umstürzler", welche 
ihrem gemeingefährlichen Treiben entgegentreten. 
- In Frankreich ist soeben von dein Hexenkel der „»m- 
ivülzenden Elemente" der Deckel abgehoben loorde» und wir 
sehen da« lichtscheue Gesindel „an der Arbeit" — wie 
Bienen'in einem gläsernen, Gebän«. 
Schatten wir hin! . 
Frankreich hnt eine Regierung, welche non Ott Mehr- 
hei, m französische» Volle» an die Splde de« Siaal» ge. 
stell, worden ist - die legitimste - versaffung». und gesctz- 
niäßigste Negierung, die 'ich denken läßt —, eine Negierung. 
nelAe da« hohe Verdienst hat. dir ..umwälzenden TIemenIc 
zwei Jahrzehnte lang in, Za»», gehalten und den inneren 
und äußeren Frieden im« Jahrzehnte lang beivahr! zu 
haben Allein da« gerade hat den Haß der „umwälzenden 
Elemente" erreg,. Sie schloffen sich. «ratz gegenseitige! 
Abneigung, scsi aneinander »nd bildeten eine Perschwärung. 
zum Umsturz der Slank»ocd»»»g: sie suchten sich eine, in 
allen Lastern crsahrenc, mit allen Hunden gchetzle „katili. 
narische Eristenz" au», und gaben diesen, Verworfenen 
Millionen über MiNIonen, aus daß er sein Amt in der 
Regierung dazu mißbrauche, uN, die Veste der otaot«. 
ocdnung ihren Feinden z» übersteseni, «Ine „blniigc Revo 
lution" durchzusühren ' nd Frankreich in vie unsagbaren 
Schreckniffe de» Büigerkriea» und elneaDclllricgkzu stürzen. 
Eine schuftigere Verschwörung ist nie angezettelt, ein 
scheußlichere» Attentat aus die Staat«, «nd GesellschaslSard. 
nunfl nicmal« geplant worden. 
Und die Verschwörer? Waren c« Sozialdemokraten? 
Mit Nichten! 
E« waren Legllimlsten. Orlcaniste», Bonnparllstr», 
Klerikale — Junker. Bourgrola »nd Pfaffen! 
Da« ist da» saubere Kleeblatt. Kein Leugnen möglich : 
die Boitloiiger.Eiilhüllungrii erlaube» nicht, den lcisestrn 
Zweisei Die Verbrecher sind übcrsührt. aus frischer That 
Und die »äiiiliche» „umwälzenden Elemente", die soeben 
in Frankreich diese schmachvolle Rolle gespielt hoben, sind 
auch in ollcu Übrigen Kulturländer» thätig. 
Neulich laffeii wir in den Zeitungen, wie die Tessiner 
Bourgevi» die Regierung ihre» Lande» umgestürzt haben — 
und jeden Tag lesen wir in den Zeiltingen, wie unsere deut 
sche Bourgeoisie gegen die Politik der kaiserlichen Erlaffc" 
konspirirt und rebellin »nd durch ihre Habsucht »nd Eng- 
Prosit Nklljohr! 
Äii des Zahns Wendr. 
Ein ?oh> ist »ine kurze Frist, 
Eine Welle in dem Aber der Zen. 
Di» nur zu bald verschlungen ist 
Pom Ozean der Ewigkeit. 
Wie viel doch birgt der kurze Raum. 
Wo« faßle nicht ba« einz'ge Fahr' 
Wa« zu Beginn man ahnic kaum. 
Stellt heut' stch als vcrgauge» dar 
Der „große" Mann, den zu Beginn 
De» Fahre» nian noch so bewundert. 
Und de» die Schmeichelei stelll' hin 
Al« Herkule« seine» Fahrhunderl« - 
Gegen die ninwälrende« Elemente 
mit ollem Nachdnick vorzugehen, ist um so nothwendiger, al» 
sie setzt eine wahrhast dämonische Rührlgleit einwickeln und 
Himmel und Hölle (namentlich die letztere) ln Bewegung 
setze», »in die Ziele ihre» geinetngesäbrlichcii Streben« und 
Thun» zu erreichen. Die Gefahr, in welche die bürgerliche 
Gesellschaft und die ganze Zivililalion durch diese „um 
wälzenden Elcmenie" gebrachl wird, ist hauptsächlich deshalb 
so groß. weil dieselben mit wahrhast lcuffischer Geschicklich 
keit ihre wahre Natur verbergen und ifuxni abschreckend 
häßlichen Antlitz eine gleißende Marie vorgehängt haben, 
durch welche sich Leichtgläubige leichl belhören taffen 
In. sagten diese Deniagogen und Anarchisten, >va» sie 
»'ollen - iaglcn sic, daß ihr Dichten und Trachte,t daraus 
gerichtet sei, die Maffe ihrer Mitmensche» in Abhängigkeit. 
Dir Schlange im Paradies. 
Roman In zwei Binden 
von Nr. Leopold Ritter von Eacher-Masoch. 
ä?I (Fortsetzung.) 
E« war ziemlich dunkel ous der Bühne, al« sie au« der 
Garderobe zurückkehrte. in einem dünnen Mäntelchen und mit 
einem Schleier, der verschiedene kleine Riffe hatte, vor dem 
hübschen, frischen Gesicht. Da» Halbllch, mochte Kami unter, 
neymend. 
.Werden Sie sich nicht erkälten, niein Fräulein?* begann 
St zärtlich. 
„0, nein, ich bin gar nicht verwöhnt." 
„Aber Sie erlauben doch. daß Ich Ihnen einen Pelz zu 
Füßen lege?" 
„Gewiß, aber jetzt gehen wir sonpiren, ich bin hungrig." 
Sie »ahm seinen Arm und geleitete ihn di: kleine, stille 
Treppe hinab. 
„Ich denke, wir essen zusammen ein Bralhnh» mit Compol." 
logte sie. 
„Und lriickeu eine Flasche Champagner." 
Sie blickte ihn vergnüg! an. „Ich sehe, daß ich c« niii 
einem Cavaiier zu thun habe." 
Sergiu« -zeigte sich erst. al« Zenobia da« Theater verließ. 
.Wo ist Nalalja f fragte er, „Ich habe sic nicht gesehen." 
„Sie ist zu Hause gebliebru." 
^Natürlich allein." mvlderle Zenobio „Derllebie lieben 
die Einsamkeit, und Ich glaube, sic liebt Sic." 
Sergiu» schwieg. 
„Me unglücklich Sic aittschen!" spottete Zenobia, „kommen 
Sii, ich will versuchen, Sie zu trösten." Sic nahm seine» Arm. 
Man souvirle zusammen Im Hotel de l'Enropc und kehr! 
dann im Schlitten zurück. Die Nach! war kalt. ober ruhig und 
sternenklar. 
Zcuobla subr mit Eerain«. Ex sah aber neben ihr wie ei» 
Alaun au« Stein. 
Am tolgende» Vormittag fand sich Karol mit einem großen 
Vougnei in der Wohnung der Schauspieler!» ein. 
»Wir wollen jetztj den Pelz kauscn," begann er schüchiern. 
„Sie erlauben e» mi, doch? Ich babe aus dem Theaterzettel 
gelehen," fuhr er etwa) kühne, kork. „Sie spielen heute nicht" 
„Nein. ich bin frei" 
Durste ich e« wagen, wenn Eie nicht» Andere« vorhaben 
ich bitte Sie. meine Einladung nicht ungnädig aufzunehmen." 
„Wozu so viele Worte.' 
'Wenn e« Ihnen Vergnügen macht" 
»Natürlich Ich freue mich daraus." 
Fräulein Jaru»kow«ka vollendete ihre Toilette »nd ging 
dann Arm in Aim mit dem stiahlcnden Karol In die Stadt. 
Ei führte sic zueis« zu einem jttdische» Kürschner, wo sie ein-» 
Pel, von schwarzem Sammt mit gilt« wählte und gleich anbc- 
hielt, dann zu einer dinrel.naan ck« blocke«, bei der er ihr'einen 
goldgestickten Baschttl verehrte, und schließlich zum Zuckerbäcker. 
Hier bewirthete er sic mit FIcischpastrIchen »nd Liqucur. Dann 
ginge» sic in bester Stimmung i» das Cinicbrhau«. in dein seine 
Dlerde stauben, und Koiol befahl, einzuspannen. 
C« währte nicht zehn Minuten, suhr der, Schlitten vor, 
Karol hob Fräulein Jar»»k°w«ka hinein, hüllte sic lorgsani In 
die warmen Felle und saß ,etzt an Ihre, Seile mit" der Miene 
»ine« siegreichen Feldherrn, der In da« jubelnde Rom einzieht 
Die Heine Schauipiclrrin drückte seinen ?lrn, I» aufrichtiger 
Glückseligkeit, de. Tag war so schön, die Sonne leuchtete so 
srcundltch, der Schnee siimmcite wie ein M-e- von kleinen Dia- 
Manien, und sic da»- sich sei, langer Zeit wieder einmal sät, 
gegeisin »nd konnte sich zum ersten Male in ihrem Leben in 
einen warmen Pelz schmiegen. Da« »Ne« war so hübsch 
Sie sah Karol von der Seite an, dann ergriff sic plötzlich 
die Zügel und sang mit lavier, scöhlicher Stimme da« Lwd von 
der Tcojka') 
32. Allein za Hanse. 
„Tie Heimalh. da« gute Daterhaii« 
ist preisgegeben »nd verloren." 
Bdoibm Slister. 
Indeß war Nalolia in dem großen, stillen Hause allein. 
Sie freute sich.der Einsamkeit, ste konnte endlich ivicdcr einnwl 
beim Fenster sitzen, träume», ihre» Gedanken nachhänge,,. Er 
toaren keine srühlichcn Bilder, die bei Ihr einkehrten. Sic halte 
') Da» Dretg'ipami -- lussifcheo Bollälstd. 
stch In den Stithl zurückgelehnt und ihre Hände in den Schoost 
gefaltet. Aus ihrem schönen Antlitz lag eine teile Trauer, eine 
schmerzliche Hoffnungkloflgle!!. Ihr sestgeschloffener Mund trotzte 
noch. aber die großen, blauen Auge» schwömme» in einem sanften, 
elegischen Lichte. Draußen lag der Schnee, er bedeckte Erde und 
Dächer. Bäume und Büsche mit seinem richlgen weißeii Glanz 
An den Scheiben blühten die Wunderblumen de» Winter«. Der 
Wind strich über Hügel und Fläche, eine große, selerl-chc Melodie 
zog aus feinen Schwingen einher, der ferne Elchcni^ld brauste 
mächtig ">il seinen cuttaubicu Riesenkroncn. d,c Bäume de» 
Garten« stimmten ml, ein. und die Nclnen Sträucher erklangen. 
»I« wären sic ml, gausend »ledlsche» Schellen behängen. 
Oben sang die Wetterfahne, und im halbdunklen Semach« 
gab der alte. grüne Kachelofen verdrießliche Antwort. , 
Zwei irrende Lichter zeiglcn sich hinlrr der Scheuer, die 
Augen eine« Wolsc«. der den Edelhos umschlich und wieder ver 
schwand. al« die riesigen Hunde wüthend zu bellen begannen. 
Im gauzen Hanse herrschte jetzt wieder Duiiliiheil und 
Stille. Keine Lampe brannte, kein Licht, nur da« Feuer im 
Ojen. Man Höne lange nicht« al» da« Tick-Tack der massiven 
Siockuhr, da« heute ebenso gravitätisch zu hören war. al» zur 
Zc!,. wo hier bezopste Herren und Damen mit gepudertem Haar 
ein- und auLaingen. ,, ,, . 
An solchen langen, stillen Wiiilerabende» ist e«. «•» 
draußen Alle» todt wäre »nb innerhalb der grauen Mauern w » 
Todte beseelt und gesprächig würde. CE« ist dann unhetmtni. 
in die dunkle Flucht der Zimmer hineinzublicken »nd> og«r W 
Wchste und «oblbekannlcste wird un» für Augenblicke,rcm° 
und säst schauerlich. Alle Gegenstände, die un« >'"'3$™' " 
scheinen größer und in die Ferne gerückt, so daß sich 
in Säle. Säle In düstere Dame verwandeln. Alt«^Zeilen werden 
lebendig, die Geister der B-bst-rb-t:en scheinen !le.se *«.«■» 
zu wandeln, flüsternd« Stimmen sind in der Lust. un 
diiicklcn Winkeln lchclnc» ?lngen aus «y« gerichted . ^ 
Nalalja erlchauer.e leise, aber Ux\Irfl"#;, *“« ' 
der alten Uhr sprach ibrMnth i*. #•»» ^,>5 
»nd mit dem letzten Schlag zog l->cht und >r, herüber: 
hübsche Melodie Weber« durch dw off-»-T>M" ^öbet 
„Einsam bin lck, nicht allein^. Dann deg - (<[ne heKe. 
zu krachen, und da« Hc.mchin erhob im vemauc. , 
79. Titelseite der Brandenburger Zeitung
	        
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