Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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4.  Demonstrationen  an  Gedenktagen.
Damit  schließt  dieAufzählung  der  wichtigsten  Gelegenheitsdemonstrationen
der  Berliner  Arbeiterschaft.  Von  den  drei  regelmäßig  wiederkehrenden
Demonstrationen,  die  zu  Anfang  dieses  Kapitels  aufgezählt  wurden,  verlor  die
Lassallefeier  unter  dem  gemeinen  Recht  bald  den  Charakter  einer  Äußerung
des  Kampfes,  den  sie  unter  dem  Ausnahmegesetz  getragen  hatte,  und  nahm
zeitweise  mehr  volksfestmäßige  Züge,  zeitweise  mehr  das  Wesen  einer  ruhigen
Gedenkfeier  an,  um  schließlich  ganz  einzuschlafen.  Der  neu  herangewachsenen
Generation,  die  vor  immer  mehr  Fragen  sich  gestellt  sieht,  welche  zu  Lassalles
Zeiten  unbekannt  waren,  ist  der  Name  des  großen  Agitators  zwar  noch
ein  großes  Symbol,  aber  eben  vorwiegend  ein  Symbol.  Er  weckt  keine
tieferen  Gefühlsregungen  mehr  und  hat  keine  unmittelbare  Beziehung  zu
den  jeweiligen  Zeitkämpfen  der  Arbeiterklasse.  So  mußte  auch  der  Reiz
dieser  Feier  für  die  Massen  immer  mehr  an  Kraft  verlieren.
Das  ist  auch  mit  der  Feier  des  18.  März  geschehen,  soweit  sie  der
Erinnerung  an  die  Pariser  Kommune  galt.  Es  gab  eine  Zeit,  wo  auch
die  deutsche  Sozialdemokratie  am  18.  März  mehr  der  Kommune,  als  der
deutschen  Revolution  von  1848  gedachte.  Die  Kommune  war  ja  wesentlich
eine  Arbeitererhebung  gewesen,  die  Märzrevolution  dagegen  wesentlich
noch  Sache  des  Bürgertums.  Aber  der  Kampf  der  Kommune  war
schließlich  doch  eine  zu  spezifisch  französische  oder  vielmehr  lokale  Pariser
Angelegenheit,  um  Nichtftanzosen  auf  die  Dauer  mehr  sein  zu  können,  als
eine  tragische  Erinnerung,  deren  Eindruckskrast  auf  die  Gemüter  um  so
mehr  abblassen  mußte,  als  neue,  nicht  minder  tragische,  aber  für  die  heutige
Arbeiterbewegung  wichtigere  Kämpfe  das  Interesse  auf  sich  lenkten.  Wäre
der  18.  März  nur  der  Gedenktag  der  Pariser  Kommune,  so  wäre  seine
Feier,  wie  anderwärts  in  Deutschland,  so  auch  in  Berlin  allmählich  eingestellt ­
  worden.
Aber  der  18.  März  ist  zugleich  der  Jahrestag  der  Berliner  Barrikadenkämpfe ­
  von  1848,  die  für  Preußen  den  Sturz  des  Absolutismus  besiegelten
und  in  denen  es  fast  ausschließlich  Arbeiter  waren,  welche  ihr  Blut  für  die
Freiheit  und  Selbstbestimmung  der  Staatsbürger  ließen.  Aus  diesem  Grunde
hat  er  an  lebendigem  Interesse  fiir  die  Sozialdemokratie  Berlins  im  Laufe
der  Zeit  nicht  verloren,  sondern  eher  gewonnen.  Die  sozialdemokratische
Arbeiterschaft  Berlins  betrachtet  die  Toten  des  Mürz  als  ihre  Toten,
und  deren  Gräber  im  Friedrichshain  am  18.  März  zu  schmücken,  ist  ihr
eine  Lerzenssache,  mit  der  sich  zugleich  das  Bestreben  mischt,  die  Übernahme ­
  des  politischen  Erbes  der  Märzgefallenen,  die  Fortsetzung  des
Kampfes  gegen  die  politische  Klassenherrschaft  in  allen  ihren  Formen  zu
bekunden.  Zeitweise,  je  nachdem  der  politische  Kampf  sich  gestaltet,
tritt  dies  letztere  Moment  der  Kampfesdemonstration  sogar  mit  besonderer
Schärfe  hervor,  aber  ein  Stück  davon  trägt  jede  Märzfeier.  Änd  bei  jeder
fast  gibt  es  Reibereien  zwischen  Polizei  und  Demonstranten.  Den  Besuch
der  Gräber  ganz  zu  verbieten,  hat  man  fteilich  nicht  unternommen,  das
wäre  als  ein  zu  kompromittierendes  Zeichen  der  inneren  Schwäche  erschienen.
Aber  man  sucht  ihn  durch  peinliche  Sicherheitsmaßregeln,  die  scheinbar  dem
Schutz  der  Wege  und  Gräber  gelten  —  eine  Sorge,  die  man  an  einem  solchen
Tage  ruhig  der  Selbstordnung  der  Manifestanten  überlassen  könnte  —  möglichst
zu  erschwer«,.  Ein  Massenaufgebot  von  Polizei  in  jeder  Gestalt,  zu  Fuß
            
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