Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

91  und  92.  Sozialdemokratisches  Flugblatt  für  den  VI.  Berliner  Reichstagswahlkreis

201  Millionen  Mark  (liicsjt  21 fl / 4  Millionen  Mark).
Dazu  kommen  noch  für  Militär-  und  Marine  -  Pensionen
über  100  Millionen  Mark.
Man  muß  aber,  um  die  ganze  Wucht  dieser  Nüstungs'kostcn
zu  ermessen,  noch  in  Betracht  ziehen,  daß  auch  fast  die  gesamte
Reichsschuld  für  RüstungS-.  und  Kriegszwecke  aufgenommen
ist,  und  zwar  in  der  Hauptsache  während  der  Negierung  des
gegenwärtigen  Kaisers.  1888  hatte  das  Deutsche  Reich
,21  Millionen  Mark  Schulden.  Sie  sind  bis  1906  auf  nahezu
4000  Millionen  Mark  angewachsen.  Für  1007  wird
eine  neue  Anleihe  von  204  Millionen  Mark  geplant.
Die  deutschen  Steuerzahler  haben  an  die  Gläubiger  des  Reichs
jährlich  1301/2  Millionen  Mark  Zinsen  zu  zahlen.  So
geht.  eS,  Volldampf  voraus,  in  die  fünfte  Schulden-Milliarde
  hinein.  Es  ist  endlich  Zeit,  daß  dieser  uferlosen
Geldvergendung  für  militärische  Zwecke  mit  der  daraus
resultierenden  Pumpwirtschaft  ein  Ende  gemacht  wird.  Aber
nur  die  Sozialdemokratie  hat  sich  als  unbedingter  Gegner  diese»
ganzen  Systems  bewahrt.
Gleichzeitig  mit  den  Schulden  sind  aber  auch  die  Steuern
angewachsen,  die  das  Volk  für  jene  militärischen  und  inarinistischcN
  Zwecke  aufbringen  muß.  Nachdem  im  Jahre  1902
der  neue  Hochschuhzöllnerische  Zolltarif  die  Lebensmittel  des
Volkes  verteuert  hatte,  meist  um  den  Agrarier»  die  Taschen
zu  füllen,  zum  geringeren  Teil  um  die  ReichScinnahmen  zu
erhöhen,  hat  in  diesem  Frühjahr  der  Reichstag  abermals  für
180  Millionen  Mark  neue  Steuern  bewilligt.  Nur  zum
kleinen  Teil  treffen  sie  die  Wohlhabenden,  z.  B.  durch  die
Erbschaftssteuer  und  die  Tanticmensteucr;  aus  die  Schultern
der  Minderbemittelter!  ist  wieder  die  Hauptlast  gewälzt  durch
Erhöhung  der  Bierstener,  die  Zigaretteustencr,  die  Fahrkartenstcuer
  und  die  Erhöhung  des  Ortsportoö  für  Postkarten ­
  und  Drucksachen.
Das  sind  an  sich  schon  schlinnne  Bürden,  aber  in  ihrer
Suche  nach  Geld  zur  Fütterung  des  unersättlichen  Militarismus
haben  die  Steuerweisen  jetzt  schon  lüsterne  Blicke  aus  die
Tabakstencrerhöhung  und  die  Wchrstencr  geworfen.
Die  Sozialdemokratie,  steht  allen  indirekten  Steuern
grundsätzlich  ablehnend  gegenüber.  Sie  sucht  eine  Steuer«
reforiu  durch  Verminderung  der  unnötig  hohen  Lasten  für
Heer  und  Marine  anzubahnen.  Die  unverincidlichen  Ausgaben ­
  »vill  sie  aber  durch  direkte  Steuern  nach  Maßgabe  des
Vermögens  und  Einkommens  aufbringen,  also  durch  Einkommcnstcner,
  Vernkögenssteuer  und  Erbschaftssteuer.
Das  gegenwärtige  Reichssteuersystcm  belastet  die  Acrmerens
zu  gunsten  der  Reichen.  Es  ist  hohe  Zeit,  daß  dieser  Unzerechtigkeit'
  ein  Ende  gemacht  wird.
Wie  das  ganze  Steuersystem  auf  eine  verkappte  Ausbeutung ­
  der  breiten  Volksmassen  hinauskommt,  so  wirken  auch
andere  Maßregeln  der  Regierung  in  der  nämlichen  Richtung.
Die  Fleischtencrung,  unter,  welcher  das  Volk  seit  Jahresfrist
zu  leiden  hat,  rührt  nicht  nur  her  von  der  Zollcrhöhung,  sie
wird  noch  künstlich  gefördert  durch  die  Grenzsperre,  zu  der
die  angebliche  Seuchengefahr  den  Vorwand  liefert.  Vergeblich
haben  wir  die  Regierung  zur  Beseitigung  der  Sperre  aufgefordert. ­
  Sie  stützte  sich  in  ihrem  Widerstand  auf  die  nämliche
Mehrheit  der  Vrotwuchcr-  und  Flcischwucherpartcien,  die  am
14.  Dezember,  in  der  AdventSnacht  deS  JahreS  1902  den
Wuchertarif  bewilligt  hat.  Auch  über  die  LebenSmittelwncherer
  iinifr  daS  Volk  Gericht  halten  am  25.  Januar!
Zu  guter  Letzt  hat  die  Regierung  auch  noch  ihre  Arbeiterfeindlichkeit
  offenbart  in  dem  Gesetz  über  die  eingetragenen
Bernfsvereine,  das  mit  dem  Köder,  den  Gewerkschaften
verinögensrechtliche  Vorteile  zu  verschaffen,  diese  Arbeitervereine
verlocken  will,  sich  unter  die  knebelnde  und  entnervende  Vormundschaft ­
  der  aintierenden  Bureaukratie  zu  stellen.  Die  Arbeiter ­
  bekommen  da  einen  Vorgeschmack,  was  ihnen  aus.  der

geplanten  obrigkeitlichen  „Reform  der  Kraukenkassettgesetze"
erblühen  würde,  näniljch  die  Zerstörung  der  Selbstverwaltung, ­
  zu  der  eine  Anzahl  Scharfmacher,  darunter  auch  der
freisinnige  Dr.  Mugdan,  die  Regierung  aufzuhetzen  suchen.
Angesichts  aller  dieser  arbeiterfeindlichen  Pläne  müßte  jeder
Arbeiter,  der  auch  nur  einen  Funken  Ehrgefühl  in  der  Brust,
alles  aufbieten,  um  die  Sozialdemokratie  zu  stärken,  damit  sie
im  Reichstag  mit  größerem  Erfolg  noch  als  bisher  den  Kamps
für  die  Arbciterinteressen  führön  kann.  Zeigen  doch  fast  täglich
Vorkommnisse  des  öffentlichen  Lebens  von  den  drakorrischeu
Urteilen  der  Gerichte  in  Arbeitskonflikten  bis  zu  der  polizeilichen ­
  Haudabhackerci  in  Brcölan  und  den  Polizeicxzeffen
in  Nürnberg  und  Hamburg,  was  die  deutsche  Arbeiterschaft
von  den  Handlangern  der  herrschenden  Klassen  zu  erwarten  hat.
Der  "sozialpolitischen  Reaktion  verbindet  sich  das  Treiben
der  Ncaktionsfinsterlinge  im  Schulwesen.  das  der  Landesgesetzgebung
  vorbehalten-  ist.'  In  daS  Reichsrccht  greift'  aber  der
Sprachcnkamps  gegen  Polen  und  Dänen  über,  der  eine
derartige  Erbitterung  unter  jenen  anderssprachigen  Volksteilen
hervorgerufen  hat.  daß  es  schon  zu  einem  Streik  der  polnischen
Schulkinder  gekommen  ist.  Die  Rcgieruiigsorganc  gehen  dagegen ­
  niit  dem  ungesetzlichen  Mittel  vor.  solche  Kinder  den  Eltern
zu  nchnieu  und  iu  Fürsorgeerziehung  zu  geben.  Auch  diese
brutalen  llnterdrückungsversnche  bekämpft  die  Sozialdemokratie.
Sie  erstrebt  die  Völkerverbrüderung,  nicht  Völkcrfeindschaft.
In  dein  Kampfe.  den  die  Sozialdemokratie  für  des  Volkes
Recht  und  deS  Volkes  Wohl  zu  führen  hat,  schließen  sich  mehr  und
mehr  alle  anderen  Parteien  zu  einem  Bunde,  gegen  die  Sozialdemokratie, ­
  gegen  die  einzig  wirkliche.Volkspo--iei  zusammen.
Von  den  junkerlichen  Kandidaten  Podbiclski  ljnd  Oldenburg-Januschan
  bis  zu  den  neuerdings  militärfromm  gewordenen
Freisinnigen,  schließt  sich  Ring  an  Ring.  Haben  ,  doch  Freisinnige, ­
  Nativnallibcrale  und  Konservative  schon  gemeinsame ­
  Kandidaten  konservativer  Färbung  gegen  die  Sozialdemokratie ­
  aufgestellt,  so  in  B.reslau  und  in  Gotha.  Wer
deshalb  diesen  reaktionären  Ring  bekämpfen,  wer  für  die  Befreiung ­
  des  Volkes  von  jedweder  Ausbeutung  und  Unterdrückung
wirken  will..der  gebe  am  25.  Januar  seine  Stimme  dem  Kandidaten ­
  der  Sozialdemokratie
Georg  Ledebour,
der  seit  mehr  als  sechs  Jahren  den  6.  Berliner  RcichStagZwahlkreis
  im  Reichstage  vertreten  hat.
Bleibe  keiner  am  Wahltage  daheim!  Es  muß  nicht  nur
der  Wahlsieg  errungen,  es  muß  auch  eine  möglichst  hohe
Stimmcnzahl  sür  die  sozialdemokratischen  Kandidaten  aufgebracht ­
  werden  als  flammender  Protest  des  Volkes:
gegen  die  grenelvolte  Kolonialwirtschaft;
gegen  die  abenteuerliche  Weltpolitik;
gegen  die  Vergeudung  von  Milliarden  für
Militarismus  und  Marinismus;
gegen  die  wucherische  Lebensmittelverteuerung  ;
gegen  die  Anschläge  zur  Knebelung  der  Gewerkschaften ­
  und  .Krankenkassen;
gegen  die  tückischen  Pläne  zur  Entrechtung  des
Volkes;
gegen  das  bureaukratische  Regierungssystem  und
seinen  Auswuchs,  das  persönliche  Regiment
und  für  dicBcfrcinngdesVolks  von  jedemDrnck;
für  die  Demokratisierung  unseres  Staatswesend ­
  von  Grund  ans;
für  Sozialismus  und  Völkerverbrüderung!
Das  sozialdemokratische  Wahlkomrtee.

Zur  Förderung  der  Wahlagitation  finden  in  den  nächsten  Tagen  folgende  Versammlungen  statt:
Montag,  de»  7.  Januar,  abends  8  Uhr:
Fröbel,  Schönhauser  Allee  148-  Groterjan,  Schönhauser  Allee  130

Dienstag,  den  8.  Januar,  abends  8  Uhr:
Swrnemünder  Gesellschaftshaus,  Swinemünderstr.  42
Cösliner  Hof,  Cöslinerstr.  8  —  Artushof,  Perlebergerstr.  26
Kronenbrauerei,  Alt-Moabit  47—49.

■"  Lelar.Uvorilich:  Lllth.  Frchlhaler,  N.,  Garlenplatz  1.—  Srutf:  Dorwür!»  Dlichdrurl-:»«  uui>  LcNag»anIia!t  Paul  Tinger  &  Lo.,  Berlin  SW.  dH  Sinbca/Uajj*  i>S^
            
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