Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

die  erst  nachträglich  vorgenommene  Auslosung  der  Bezirke  das  Resultat
gehabt  hatte,  daß  die  Bezirke,  in  denen  sie  gewählt  waren,  durch  „Ansässige"
vertreten  sein  mußten.  In  der  Nachwahl  gelang  es  jedoch  der  Sozialdemokratie, ­
  in  dem  Schlossermeister  Karl  Schulze  und  dem  Putzer  Lahn
Kandidaten  aufzustellen,  die  zu  den  Ansässigen  gehörten,  und  die  Mandate
für  sie  zurückzuerobern.  Bei  den  Ergänzungswahlen  von  1894  wurden
zwei  weitere  Kandidaten  der  Partei,  Zimmermeister  Rob.  Lesse  und
Gastwirt  Aug.  P  apke,  und  bei  den  Wahlen  von  1895  an  Stelle  von  Müller,
Schenk,  Schröder  und  Schulze,  die  wegen  Zustimmung  zu  Ausgaben  für
nationalistische  Zwecke  ihre  Mandate  auf  Versammlungsbeschluß  hatten
niederlegen  müssen,  die  Parteimitglieder  Kull,  Schristgießer,  Ostermann,
  Tischler,  Retzerau,  Maler,  und  Thomas,  Schriftsetzer,  gewähtt.
1898  wurde  Rixdorf  Stadtkreis  und  seine  Vertretung  in  der  Gemeindeversammlung ­
  auf  48  Mitglieder  erhöht.  Bei  der  ersten  Wahl  zum  neuen
Kollegium  ward  die  dritte  Klasse  wiederum  ausschließlich  durch  Kandidaten
der  Sozialdemokratie  besetzt,  die  nun  eine  Fraktion  von  16  Mitgliedern
bildeten,  und  jede  weitere  Wahl  bestätigte  nur  dies  Verhältnis.  Die  ersten
sozialdemokratischen  Gemeindevertreter  des  Stadt  gewordenen  Rixdorf
waren:  Wilh.  Conrad,  Kassenbeamter,  Aug.  Dohrmann,  Tischler,
L.  Lerrmann,  Zigarrenmacher,  Wilh.  Jäger,  Klempner,  Konst.  Janiszewsky,
  Buchdruckereibesitzer,  Karl  Keller,  Dachdeckermeister,  Wilh.
Köpke,  Gastwirt,  Paul  Mitschke,  Steinmetz,  Wilh.  Münzer,  Steinmetz, ­
  Gust.  Ostermann,  Spediteur,  Rich.  Preßler,  Gastwirt,  Emil
Retzerau,  Maler,  Wilh.  Sy,  Tischler,  Dr.  R.  Silberstein,  Arzt,
Willy  Wach,  Berichterstatter,  und  Emil  Wutzky,  Schriftsetzer.
Linsichtlich  der  Zahl  der  sozialdemokratischen  Vertretung  in  der  Gemeinde ­
  schließt  sich  Berlins  größte  Nachbarstadt,  Charlottenburg,  an
Rixdorf  an.  Mit  den  Ergänzungswahlen  des  Jahres  1905  wuchs  die
sozialdemokratische  Fraktion  dort  auf  13  Mitglieder.  Das  Verhältnis
dieser  zur  Gesamtvertretung  war  aber  wesentlich  ungünstiger,  als  in  Rixdorf.
Denn  in  Charlottenburg  hat  die  dritte  Klasse  24  Stadtverordnete,  so  daß
die  genannte  Zahl  der  sozialdemokratischen  Mitglieder  nur  einen  über  die
Lälfie  der  Vertretung  der  dritten  Klasse  ausmacht.  And  auf  wesentlich
mehr  ist  in  dieser  Stadt,  die  sich  rühmen  kann,  das  zahlungsfähigste
Gemeinwesen  der  preußischen  Monarchie  zu  sein,  beim  jetzigen  Wahlsystem
kaum  zu  rechnen,  da  in  verschiedenen  Stadtbezirken  die  Arbeiter  selbst  in
der  dritten  Klasse  die  Minderheit  der  Wähler  sind.  Gewerbetreibende,
Beamte,  Angehörige  der  fteien  Berufe  bleiben  mit  einer  Steuerleistung,
die  sie  anderwärts  zu  Wählern  erster  oder  mindestens  zweiter  Klasse  machte,
hier  Wähler  der  dritten  Klasse.  Selbst  bei  der  Reichstagswahl  konnte  es
die  Sozialdemokratie  in  Charlottenburg  noch  nicht  zu  einer  Stimmenmehrheit
bringen.  Anter  diesen  Amständen  war  die  Eroberung  von  13  Mandaten
der  dritten  Klasse,  die  im  ganzen  24  Stadtverordnete  zu  wählen  hat,  schon
eine  sehr  bemerkenswerte  Leistung.  Die  Entwicklung  der  sozialdemokratischen
Stadtverttetung  in  Charlottenburg  war  die  folgende:
Die  Wahl  des  Jahres  1893  brachte  die  ersten  Sozialdemokraten  ins
Charlottenburger  Rathaus,  Gustav  Beyer  und  Lerm.  Wernicke,  die  bis
1899  ihr  Mandat  ausübten,  dann  aber  nicht  wieder  kandidierten  und  durch
Kurt  Baake  und  Paul  Lirsch  ersetzt  wurden.  Einige  Wahlerfolge  des
            
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