Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

Zehntes  Kapitel.
Die  bedeutsamsten  gewerkschaftlichen  Kämpfe
Berlins.

Momente  sind  es  vornehmlich,  welche  dort,  wo  gewerkschaftliche
/  Kämpfe  im  allgemeinen  schon  alltägliche  Erscheinungen  sind,  ihnen
besondere  Bedeutung  zu  verleihen  pflegen:  eine  ausnahmsweise
weite  Ausdehnung  ihres  Kampfgebiets,  eine  ungewöhnliche  Heftigkeit
oder  Dauer  des  Kampfes  und  ein  Ziel  oder  Ausgang,  die  eine
wesentliche  Neuerung  in  den  Bestimmungen  des  Arbeitsverhältnisses ­
  darstellen.  Daß  für  Berlin  Gewerkschaftskämpfe  alltägliche  Vorkommnisse ­
  geworden  waren,  braucht  hier  kaum  noch  bemerkt  zu  werden.
Es  sind  nur  wenige  Gewerbe,  in  denen  nicht  jahraus  jahrein  Streitigkeiten
um  Lohn,  Arbeitszeit  oder  Arbeiterrccht  zu  Kämpfen  zwischen  Unternehmern ­
  und  Arbeitern  führen,  und  nicht  wenige  Gewerbe  haben  deren
fast  regelmäßig  mehrere  im  Jahr.  Die  meisten  davon  sind  längere  Zeit
freilich  nur  Kämpfe  von  Arbeitern  mit  einzelnen  Unternehmern  oder  einer
kleinen  Gruppe  von  solchen,  womit  jedoch  nicht  gesagt  ist,  daß  sie  deshalb
etwa  unwichtig  oder  uninteressant  seien.  Als  soziale  Kraftäußerung  hat
jeder  Kampf  an  seinem  Platz  auch  seinen  bestimmten  Wert,  der  freilich
bei  unüberlegtem,  zweckwidrigem  Vorgehen  auch  vorwiegend  negativer  Natur
sein  kann,  und  selten  fehlt  es  an  Einzelheiten  von  besonderem  Interesse  für
die  Beteiligten  und  die  Wissenschaft  des  Arbeiterkampfes.  Ein  Eindringen
in  die  gewerkschaftlichen  Kämpfe  des  doch  verhältnismäßig  kurzen  Zeitraums,
den  dieser  Band  behandelt,  enthüllt  eine  Fülle  von  Vorgängen,  die  unter
den  verschiedensten  Gesichtspunkten  der  Hervorhebung  wert  erscheinen.  Wir
sehen  neue  Urteile  über  die  Einzelheiten  des  Arbeilsverhältnisses  sich  bahnbrechen, ­
  eine  neue  Taktik  sich  herausarbeiten,  und  überreich  sind  diese  fünfzehn ­
  Jahre  Arbeiterkämpfe  an  dramatischen  Vorgängen,  an  Beispielen
tapferen,  bis  zur  Selbstverleugnung  gehenden  Beharrens  im  Widerstand,
allerdings  auch  an  heftigen  Reibungen  in  den  Reihen  der  Kämpfenden
selber.
Von  alledem  könnte  unsere  Geschichte  nur  grobe  Umrisse  und  Zahlenreihen ­
  geben,  wollte  der  Versuch  gemacht  werden,  auch  nur  die  wichtigsten
Momente  der  größeren  Streiks  zusammenfassend  vorzuführen.  Es  wurde
daher  von  ihm  Abstand  genommen  und  für  richtiger  befanden,  zwei  bedeu-
            
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