290
tungsvolle Kämpfe, welche zu ihrer Zeit die Arbeiterschaft Berlins in leb
hafteste Erregung versetzten, herauszugreifen und an ihrem Beispiel in mög
lichster Anmittclbarkeit ein Bild zu entwickeln vom Spiel der Leidenschaften
und Interessen, von der Entfaltung der charakteristischen Eigenschaften der
Führer und der Massen, vom Widerstreit der Arteile, vom Auftauchen
neuer Konstellationen und Probleme inmitten des Kampfes, wie sich das in
Abstufungen bei allen größeren Wirtschaftskämpfender Arbeiterschaft wieder
holt. Die gewählten Beispiele sind der große Bicrboykott des Jahres 1894
und der große Streik in der Konfektionsschneiderei Berlins vom Jahre 1896.
Da aber der Bierboykott den Rahmen eines Gewerkschaftskampfes
durchbrach und zum Kampf gegen einen Bund der großen Brauereien der
Lauptstadt wurde, den die Gesamtarbeiterschaft Berlins unter der gemein
samen Leitung der politischen und der Gewerkschaftsführer ausfocht, ist ihm
ein besonderes Kapitel gewidmet. Anders der Streik in der Konfektions
schneiderei. So sehr ihm die Allgemeinheit der Arbeiter Berlins ihr In
teresse schenkte, so behält er doch durchweg in allen wesentlichen Punkten
seinen gewerkschaftlichen Charakter. Allerdings spielt auch er sich nicht in
der Weise ab, daß die Streitenden auf die rein gewerkschaftlichen Kampf
mittel beschränk bleiben. Aber das beeinträchtigt seinen gewerkschaftlichen
Charakter nicht. Allen bedeutenden Gewerkschaftskämpfen der Gegenwart
ist die Tendenz eigen, wegen der Größe der von ihnen erfaßten Bevölkerungs
schicht oder der Rückwirkung auf das Geschäftsleben im allgemeinen zu
einer Angelegenheit der Öffentlichkeit zu werden und deren Eingreifen in der
Gestalt von Vcrmittelungsversuchen irgendwelcher Art wachzurufen.
* *
-i-
1. Der Kampf von 1896 gegen die Schwiharbeit in der
Konfektionsschneiderei.
Eine der Lauptindustrien Berlins ist die Bekleidungsindustrie, und
zwar ist es die Schneiderei, die hier im Laufe der Zeit einen das örtliche
Bedürfnis nach ihren Produkten weit überschreitenden Aufschwung ge
nommen hat. Mit andern Worten, die Konfektionsschnciderei, die Ler-
stellung fertiger Artikel für den offenen Markt, hat sich hier außerordentlich
stark eingebürgert. Aus verhältnismäßig bescheidenen Anfängen hatte sie
sich in Berlin im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu einer Stapel
industrie ersten Ranges entwickelt. Berlin versorgte die Provinz, das
außcrpreußische Deutschland und auch das Ausland in steigendem Amfange
mit Erzeugnissen seiner Konfektion in Kleidungsstücken aller Art; namentlich
seine Damenmäntel-Konfektion spielte auf einer Reihe von Auslands
märkten eine große Rolle. Ende 1895 zählte man hier 439 Großhandels
geschäfte der Bekleidungsindustrie, wovon 131 auf die Damenmäntelkonfektion
kamen. Neben Berlin hatten in Deutschland Äamburg, Stettin, Breslau,
Erfurt und einige Mittelstädte sich zu Zentren der Kleiderkonsektion entwickelt.
Die Produktion in der Konfettionsschneiderei ging nur zum geringsten
Teil in großen Werkstätten vor sich. In den meisten Fällen gaben die
Fabrikanten die Arbeit zur Besorgung außerhalb ihrer Geschäftsräume
sott, zum Teil direkt an Leimarbeiter, zum Teil an Zwischenunternehmer
verschiedenster Art. Neben gelernten Schneidern übten auch Angehörige