Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

An
alle  Arbeiter-Organisationen  Deutschlands.

Werthe  Geussserr!

Im  Nachstehenden  geben  wir  Euch  einen  kurzen  Bericht  über  den  Stand  unserer  Sache.
Zur  Zeit  der  Einführung  der  Kontroll-Marke  (im  Frühjahr  1690)  bildete  sich  bekanntlich  ein  Fabrikantcn-Rkng.
  dessen  Mitgliedern  die  Verpflichtung  auferlegt  war,  daß,  wer  die  Kontrollmarke  annimmt,  an  den  —  Ring  —
10000  Mark  Strafe  bezahlen  müsse.
Dieser  Ring  ist  durch  Eure  Unterstützung  gesprengt,  die  Strafe  hat  allerding-,  soweit  uns  bekannt  ist,  nicht
ein  «einziger  bezahlt.  Zur  Zeit  haben  10  Fabrikanten  die  Forderungen  bewilligt,  und  erhalten  infolgedessen  die
Marken;  sechs  anderen  mußten  dieselben  wieder  entzogen  werden,  weil  sie  ihr  theilweise  schriftlich  gegebenes  Ehrenwort
gebrochen  hatten.  Wenn  Ihr  uns  nun  Eure  Unterstützung  in  der  gleichen  Weise  zu  Theil  werden  läßt,  wie  bisher,  so
wird  der  Erfolg  sehr  nbald  ein  och  größerer  sein.
Einmal  in  einer  Branche  durchgeführt,  wird  das  System  (nur  Waare  zu  konsumiren.  welche  in  geeigneter
Weise  gekennzeichnet  ist),  sich  leicht  auch  in  anderen  Branchen  einführen  lassen,  namentlich  dort,  wo  die  Fabrikanten
darauf  ausgehen,  die  Koalitionsfreiheit  der  Arbeiter  zu  vernichten.  Mittelst  Streik  ist  gegen  die  (allen  möglichen  behördlichen ­
  Schutz  genießenden  Fabrikanten-Vereinigungen)  in  nur  wenig  Fällen  Erfolg  zu  erringen,  da  die  technischen  Errungenschaften
  ihnen  die  Verwendung  jeder  exbeliebigen  Arbeitskraft  gestatten.  Greift  man  sie  aber  auf  ihren  Absatzgebieten ­
  an,  so  hat  man  die  verwundbarste  Stelle  getroffen,  und  das  geschieht,  indem  der  aufgeklärte  Arbeiter  nur
Waare  konsumirt.  welcht  in  geeigneter  Weise  gekennzeichnet  ist.  wie  es  durch  die  Arbeiter-Kontrollmarke  geschieht.  Das
wissem  die  Herren  auch,  Mnb  ihre  Presse  hat  schon  sehr  oft  darüber  gelcitartikelt.  So  schreibt  die  „Volkswirthschaftliche
  Korrespondenz"  :
„Wir  geben  uns  der  Hoffnung  hin,  daß,  wollen  die  Arbeitgeber  Herr  im  eigenen  Hause  bleiben,  sie  einmüthig
  Front  machen  müssen  gegen  dieses  Kontrollmarkensystem!"  Und  der  „Arbeitgeber"  schreibt  am  Schlüsse  eines
(das  halbe  Blatt  füllenden  Leitartikels):  „Arbeitgeber,  kaust  nicht  dort,  wo  es  Waare  mit  Kontrollmarken  giebt!"
Jeder  aufgeklärte  Arbeiter  wird  nun  wohl  wissen,  was  er  thun  muß.
Um  gegen  die  Kontrollmarke  anzukämpfen,  preisen  viele  DetailgeschäftSiuhgber  ihre  Waare  zu  den  billigsten
Preisen  an.  In  unsrer  Branche  sogenannte  2,50  und  3  Mark-Bazars.  Ein  jeder  Käufer  mag  bedenken,  daß  an  dieser
Schundwaare  der  Schweiß  und  die  Lebenskraft,  unglücklicher,  maßlos  ausgebeuteter  Menschen  hängt;  daß  die
eigentlichen.  Erzeuger  dieser  Waare  bei  harter  Arbeit  sich  nicht  einmal  satt  essen  können  Ist  es  nicht  eine  Schmach,
wenn  Arbeiterinnen  bei  elf-  und  zwölfstündiger  Arbeitszeit  4,50  bis  7  M,  Wochenlohn  und  männliche  Arbeiter
6  bis  12  M.  Wochenlohn  erhalten?  Mit  dem  Erzeugnisse  der  halbverhungerten  Weber  im  Eulengebirge  deckt  vielleicht
dieser  oder  jener  großstädtische  Arbeiter  (angelockt  durch  den  billigen  Preis)  seine  Blöße.  Die  Fetzen  müßten  ihm  auf  L«ib
und  Seele  brennen,  wenn  er  an  das  furchtbare  Elend  denkt,  in  welchem  sich  die  Verfertiger  dieser  Waare  ausnahmslos
befinden.  Er  tragt  mittelbar  mit  Schuld  daran,  weil  er  solchen  Schund  konsumirt.
Wie  schon  oben  gesagt,  kennen  die  Unternehmer  den  hohen  Werth  der  Arbeiter-Kontrollmarke  als  Kampfmittel,
ihre  größte  Hoffnung  und  Stütze  ist  die  Kurzsichtigkeit  und  Dummheit  der  Masse.  Darum  bitten  wir  jeden  Genossen,  für  das
System  der  Arbeiter-Kontrollniarke  zu  agitiren,  wo  er  nur  kann;  denn  geholfen  kann  der  arbeitenden  Klasse  nur  dann,
werden,  wenn  sie  sich  selbst  hilft,  weil  freiwillig  für  die  Arbeiter  von  den  Unternehinrrn  nichts  gegeben  wird.
Indem  wir  noch  besonders  darauf  aufmerksam  machen,  daß  die  Marke  beim  Kausen  deS  Hutes  schon  fest  eingeklebt ­
  sein  muß,  —  jedes  Einkleben  beim  Kauf  ist  Betrug,  —  bitten  wir  die  Genossen  nochmals:

Kauft  keinen  Kut  ohne  ArSeiter-Ksutrollmarke!

Berlin  im  März  1891.

Die  Kommission.
3-  21.:  T.  föfTapt)  Berlin  NO.,  Georgenkirchplatz  8

Vcrantworlllch  für  Redaktion  und  Verlag  C.  Keuipe,  Lerltn.  Druck  von  Maurer,  Ärrner  L  Co.,  Berlin,  Elisabeth-Üier  vb.

154.  Flugblatt  über  die  Bedeutung  der  Kontrollmarke

Bernstein,  Berliner  Geschichte.^,  III.

21
            
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