VI. Großhändler und Kleinhändler im deutschen Mittelaltee. 397
alter widmen. Im einzelnen haben wir schon mehrmals die
(Gründe dieser Erscheinung erörtert. Es werden zwei große
Kategorien zu unterscheiden sein. Einmal kommen der verhält
nismäßig geringe Kapitalvorrat und die schwierigen Verkehrs-
verhältnisse in betracht. Neben der allgemeinen Bedeutung des
größern oder geringern Kavitals hat man mit Recht auf den Um-
stand aufmerksam gemacht, daß „das Engrosgeschäft zur sofor-
tigen Investierung sehr erheblicher Kapitalien zwingt, während
das Detailgeschäft diese Ansprüche in der Regel nicht stellt!).
Wie die Vereinigung von Groß- und Kleinhandel in einer Person
durch die Verkehrsverhältnisse der Zeit nahegelegt wurde, dar-
auf weist die besondere Tatsache hin, daß das Stocken der Schiff-
fahrt im Winter es für den Kaufmann vorteilhaft machte, im
Sommer dem Großhandel auf den interloktalen Märkten, im
Winter dem Kleinhandel in der Heimatstadt sich intensiver zu
widmen?). Hierbei begegnet uns als Ursache das Transport
problem und somit die Technik. Sodann war die städtische Sozial
und Wirtschaftspolitik der Ausbildung eines Großkaufmanns-
standes feindlich: die Abschließung der Städte gegeneinander,
die Beherrschung des platten Landes durch die Bürgerschaften®),
das Gästerecht, die ganze Zunftverfassung. Wenn wir daher das
Fehlen eines Großhändlerstandes im Mittelalter allseitig und bis
zu seinem letzten Grund zu erklären versuchen wollten, müßten
wir auch auf den Ursprung des Gästerechtes und des Zunftwessens
eingehen. Übrigens lassen sich jene beiden Kategorien nicht
scharf trennen: die Verkehrsschwierigkeiten waren nicht bloß
äußerlicher Natur, sondern großenteils durch die sstädtische Poli-
tik ~ man denke an das Stapelrecht + geschaffen.
1) F. Gerlich, Gejch. und Theorie des Kapitalismus S. 293.
Gerlich S. 290 ff. macht übrigens mit Recht geltend, daß bei gewissen
Branchen die Vereinigung von Groß- und Kleinhandel in der Natur
der Dinge liegt und darum auch heute noch begegnet. Zum Teil
kehrt sie ganz neuerdings wieder.
?) Gerlich, S. 294. Sieveking, Grundriß der Sozialökonomik V,
1, S. 16. Vgl. hierzu übrigens Vogel, Seeschiffahrt I, S. 508 ff.
3) Darauf beruht die städtische Getreidehandelsvolitik!