Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Wiedereinstellung  der  Ausgesperrten  Abstand  zu  nehmen",  wurde  mit
großer  Mehrheit  angenommen.
Auf  Grund  dieser  Weisung  sollten  die  Kommissionsdelegierten  bei  der
nächsten  Zusammenkunft  mit  den  Unternehmern  verhandeln.  Oder  vielmehr
nicht  verhandeln,  denn  daß  der  Brauerring  auf  die  so  gestellten  Forderungen
nicht  eingehen  würde,  stand  von  vornherein  fest.  In  der  Tat  waren  die
Brauherren  nicht  weniger  verbissen  als  ihre  ausgesperrten  Arbeiter  und
machten  ihrerseits  deren  Fehler  wett.  Als  die  Bevollmächtigten  der
streitenden  Parteien  am  13.  Oktober  zur  Fortsetzung  der  Verhandlungen
wieder  zusammentraten,  eröffneten  die  Vertreter  des  Ringes  den  Delegierten
der  Arbeiter,  daß  von  den  Ausgesperrten,  die  noch  keine  Arbeit  gefunden
halten,  33  auf  einer  Liste  namhaft  gemachte  Arbeiter  und  von  denen,  die
einstweilen  anderweitig  Beschäftigung  angenommen  hatten,  noch  5  bis  6
in  den  Ningbrauereien  überhaupt  nicht  wieder  Arbeit  finden  sollten.  Das
machte  den  Arbeitervertretern  die  Antwort  leicht.  Singer  und  nach  ihm
Auer  erklärten  ohne  weiteres,  daß  sie  unter  keinen  Amständen  diese  Proskriptionsliste ­
  gutheißen  würden.  Was  ihnen  damit  zugemutet  werde,  sagte
Singer,  sei  „kein  ehrlicher,  sondern  ein  ehrloser  Friede",  und  Auer  erklärte,
er  würde  es  als  Verletzung  seiner  Ehre  betrachten,  im  Namen  der  Arbeiter
Vorschläge  dieser  Art  in  Betracht  zu  ziehen.  Noch  während  er  sprach,
füllte  sich  das  Beratungszimmer  mit  ausgesperrten  Brauereiarbeitern,  die
um  jeden  Preis  den  Verhandlungen  beiwohnen  wollten.  Das  gab  dem
Brauereidirektor  Goldschmidt  Anlaß,  in  Anknüpfung  an  die  Bemerkung
Singers,  er  für  seine  Person  wünsche,  daß  die  Verhandlungen  nunmehr
abgebrochen  würden,  dasselbe  von  seiner  Seite  zu  erklären.  So  ging  man
unverrichteter  Sache  auseinander.
Aufs  neue  waren  damit  Flugblattverbreitung,  Masienversammlungen
und  sonstige  Agitation  für  den  Boykott  an  der  Tagesordnung.  Es  ward
nichts  unterlassen,  den  Mut  der  Kämpfenden  zu  beleben.  Als  die  Jahresabschlüsse ­
  der  Ringbrauereien  Rückgang  der  Dividenden  zeigten;  als  Anfang
November  ein  in  Dresden  geführter  Boykott  gegen  die  dortige,  mit  dem
Schultheißunlernehmen  verbundene  Waldschlößchenbrauerei  einen  günstigen
Abschluß  fand;  als  Mitte  November  bekannt  wurde,  daß  die  Saalbesitzer
von  neuem  an  den  Brauerring  mit  der  Bitte  um  Beendigung  des
Kampfes  herangetreten  waren,  da  ward  aus  alledem  das  Beste  für  die  erfolgreiche ­
  Durchführung  des  Boykotts  herausgelesen.  Aber  die  Opfer,
welche  die  Arbeiterschaft  zu  tragen  hatte,  wurden  darum  nicht  geringer.
Immer  mehr  Gewerkschaften  sahen  sich  in  ihrer  Aktionskraft  gelähmt,  schon
war  es  vorgekommen,  daß  für  Zusammenkünfte  keine  passenden  Lokale  hatten
beschafft  werden  können,  und  am  politischen  Horizont  war  als  Erbe  des
preußischen  Ministers  Eulenburg  die  Amsturzvorlage  vom  Spätherbst  1894
aufgetaucht,  für  deren  Bekämpfung  die  sozialistische  Bewegung  die  Konzentrierung ­
  aller  Kräfte  und  die  Befreiung  aus  den  Fesseln  der  Saalsperre
dringend  brauchte.
Da  trat  ein  neuer  Vermittler  auf  den  Plan  in  der  Person  des
Magistratsassessors  Dr.  Freund,  der  als  Vorsitzender  der  Invaliditätsund ­
  Altersversicherungsanstalt  Berlin  und  des  Zentralvereins  für  Arbeitsnachweis ­
  oft  mit  Vertretern  der  organisierten  Arbeiter  zu  tun  hatte  und
damals  auch  sich  einer  gewissen  Beliebtheit  bei  ihnen  erfreute.  Freund
            
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