Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Da  in  den  Parteibeiträgen  stets  die  Erträge  einer  größeren  Anzahl
freiwilliger  Sammlnngen  (Verkauf  von  Parteibons,  Einnahmen  der  Tellersammlungen ­
  und  dergleichen)  eingeschlossen  sind,  ist,  wie  schon  bemerkt,  ein
Rückschluß  von  ihrem  Steigen  und  Fallen  auf  eine  genaue  proportionclle
Bewegung  der  Organisationsstärke  in  all  den  Jahren  nicht  angängig.  Man
darf  aber  soviel  folgern,  daß  jedenfalls  von  1896  ab  die  Zahl  der  organisierten ­
  Parteimitglieder  in  Berlin  ganz  erheblich  zugenommen  hat.
Die  Jahresbilanzen  der  sozialdemokratischen  Wahlvereine  Berlins  für
das  fünfte  Jahr  nach  Ablauf  des  Sozialistengesetzes  —  1.  Oktober  1894
bis  30.  September  1895  —  stellten  sich  nach  den  im  „Vorwärts"  veröffentlichten ­
  Berichten  wie  folgt:
1.  Wahlkreis.  Vortrag  134,80  Mk.  Einnahme  770,37  Mk.  Ausgäbe
  725,24  Mk.
2.  Wahlkreis.  Einnahme  mit  Vortrag  6  783,32  Mk.
3.  Wahlkreis.  Vortrag  335,34  Mk.  Einnahme  4666  Mk.  Ausgabe ­
  3750  Mk.
4.  W  a  h  l  k  r  e  i  s.  Einnahme  22  744,41  Mk.  Ausgabe  22  699,4!  Mk.
(davon  ca.  13  100  Mk.  an  die  Parieikasse).
5.  Wahlkreis.  Einnahme  2419,12  Mk.  Ausgabe  2217,70  Mk.
6.  W  a  h  l  k  r  e  i  s.  Einnahme  10  632,82  Mk.  Ausgabe  7255,69  Mk.
Für  diesen  Verein  wird  die  Mitgliederzahl  angegeben.  Sie  belief  sich
Ende  November  1895  auf  5487  Personen.
Da  fiel  der  „Köller-Coup".  Nachdem  im  Mai  1895  der  Antrag  der
Reichsregierung  abgelehnt  worden  war,  das  Strafgesetzbuch,  das  Preßgeseh
und  das  Militärstrafgesetz  mit  Verschärfungen  der  Paragraphen  gegen  Aufreizung ­
  zur  Gewalt,  Ungehorsam  usw.  auszustatten,  faßte  man  im  preußischen
Ministerium  im  stillen  den  Entschluß,  wenigstens  im  Geltungsbereich  der
schwarz-weißen  Pfähle  etwas  zu  tun,  und  die  Pandhabe  bot  das  Vereinsgesetz ­
  des  Reaktionsjahres  1850  mit  seiner  Verbotsbestimmung  gegen  die
Verbindung  politischer  Vereine.  Man  verlegte  sich  zunächst  darauf,  das
dazu  nötige  Belastungsmaterial  zu  sammeln  und  zu  vervollkommnen.  Dieser
Aufgabe  unterzog  sich  der  Polizeikommissar  von  Schöne  unter  Anspannung
des  ganzen  Stabes  von  Spitzeln,  über  welchen  die  politische  Abteilung  der
Berliner  Polizei  verfügt.  Man  arbeitete  und  sammelte  bis  zum  Kerbst  1895,
und  kaum  ivar  der  sozialdemokratische  Parteitag  für  jenes  Jahr  —  der
Breslauer  Parteitag  —  vorüber,  da  war  die  anscheinend  tödliche  Schlinge
zugezogen.  Der  25.  November  1895  sah  die  ganze  politische  Polizei
Berlins  samt  Kilfsmannschaften  vom  frühen  Morgen  an  auf  den  Beinen,
überall  Laiissuchung  vorzunehmen,  wo  man  hoffen  konnte,  Material  für
strafbare  Verbindungen  innerhalb  der  Sozialdemokratie  aufzutreiben.  Auf
dem  Bureau  des  Parteivorstandes,  in  der  Redaktion  des  „Vorwärts",  in  den
Privatwohnungen  der  Abgeordneten  Bebel  und  Singer  sowie  bei  fast  sämtlichen ­
  Parteigenossen,  die  in  der  Berliner  Parteibewegung  ein  Vertrauensamt ­
  innehatten,  bei  den  Vorstandsmitgliedern  der  Wahlvereine,  bei  den
Mitgliedern  der  Lokalkommission,  der  Preßkommission,  der  Agitationskommission ­
  und  selbstverständlich  bei  den  Vertrauenspersonen  der  Partei,
wurde  gehaussucht.  Wer  nach  dem  Anlaß  zur  Kaussuchung  fragte,  erhielt
den  Bescheid,  es  handle  sich  um  den  Nachweis,  daß  die  Paragraphen  8
und  14  des  Vereinsgesetzes  vom  11.  März  1850  verletzt  worden  seien,  und
            
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