Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Interesse.  Die  letztere  wird  darin  erblickt,  daß  sie  als  Vertrauenspersonen
untereinander  einen  Verein  gebildet  haben  und  als  Leiter  eines  solchen
Vereins  mit  anderen  politischen  Vereinen  in  Verbindung  getreten  sind."
Da  aber  die  Vertrauenspersonen  sich  keine  ständige  Leitung  gegeben
hatten,  sondern  bei  ihren  Zusammenkünften  jedesmal  nur  eine  Leitung  für
die  betreffende  Sitzung  wählten,  fiel  die  Behauptung,  daß  sie  einen  Verein
gebildet  hätten,  zu  Boden  und  damit  auch  die  gegen  sie  gerichtete  Anklage.
Ganz  unbeabsichtigt  hatte  die  Anklageschrift  vielmehr  gezeigt,  wie  es  die
Vertrauensmänner  machen  mußten,  um  nicht  leicht  gefaßt  werden  zu  können.
So  konnten  diese  und  die  anderen  Zweckkommissionen  nun  in  alter
Weise  ruhig  fortarbeiten.  Bald  hatte  Berlin  auch  seine  sozialdemokratischen
Wahlvereine  wieder  vollständig.  Am  26.  Juni  1896  ward  ein  neuer
sozialdemokratischer  Wahlverein  für  den  zweiten  Reichstagswahlkreis,  am
9.  Juli  1896  ein  solcher  für  den  fünften  Reichstagswahlkreis  konstituiert,
und  am  14.  Juli  1896  erhielt  der  vierte  Berliner  Rcichstagswahlkrcis
zwei  sozialdemokratische  Wahlvereine,  der  eine  davon  für  den  Osten,  der
andere  für  den  Südosten  Berlins  innerhalb  der  Grenzen  des  Kreises.  Von
der  Wiederaufnahme  der  Viertels-Einteilung  in  die  Statuten  wurde  Abstand
genommen,  ebenso  sagen  die  neuen  Statuten  nichts  von  der  Einrichtung  der
Abteilungs-  und  Bezirksführer.  Im  sechsten  Reichstagswahlkreis  war  schon
im  April  1896,  also  noch  vor  der  Gerichtsverhandlung,  ein  „Sozialdemokratischer ­
  Verein  Vorwärts"  ins  Leben  gerufen  worden,  der  seinen  Zweck
sehr  gut  erfüllte;  daher  wartete  man  hier  mehr  als  ein  Jahr,  bis  man  es
den  anderen  Wahlkreisen  nachmachte.  Vom  Juni  1897  ab  hatte  aber  auch
dieser  Wahlkreis  wieder  seinen  sozialdemokratischen  Wahlverein,  dessen
Statut  sich  obendrein  in  nichts  von  dem  Statut  des  aufgelösten  Vereins
unterschied.
Das  alles  hätte  sich  wahrscheinlich  weniger  glatt  gemacht,  wenn  nicht
die  politische  Situatioir  eine  für  Polizeiaktionen  ungünstige  Atmosphäre
geschaffen  hätte.  Wir  sind  am  Vorabend  des  Prozesses  des  Staatssekretärs ­
  Marschall  von  Bieberstein  gegen  den  Polizeikommissar  Tausch
und  dessen  Hintermänner.  Auch  konnte  man  in  der  Reichsregierung  sich
nicht  kurzerhand  über  die  Tatsache  hinwegsetzen,  daß  nur  durch  die  von  den
Sozialdemokraten  geleistete  Unterstützung  die  Handelsverträge  von  1893  im
Reichstag  gegen  den  heftigen  Widerstand  der  Konservativen  durchgebracht
worden  waren,  und  ebenso  war  die  Sozialdemokratie  ein  wichtiger  Faktor
für  die  Gestaltung  des  Bürgerlichen  Gesetzbuches  geworden,  das  gerade
im  Reichstag  zur  Beratung  stand.  Sie  spielte  überhaupt  jetzt  eine  ganz
andere  Rolle  im  öffentlichen  Leben  als  früher.  Es  kam  keine  Frage  von
Bedeutung  auf  die  Tagesordnung,  über  die  man  nicht  auch  die  Stimme
der  Sozialdemokratie  hören  wollte;  man  diskutierte  jetzt  ernsthaft  mit  ihr,
erörterte  ihre  Theorien  eingehend  in  den  akademischen  Hörsälen  und  wissenschaftlichen ­
  Zeitschriften,  und  der  veränderte  Ton  dieser  Diskussionen  ließ
auch  die  richterlichen  Kreise  nicht  unberührt.  Man  begriff,  daß  gegen  diese
Partei  mit  kleinlichen  Polizeischikanen  nichts  auszurichten  war.
Als  am  11.  Februar  1896  die  Polizei  eine  im  Restaurant  Möhrmg,
Admiralstraße,  tagende  „Korpora"  des  zweiten  Berliner  Wahlkreises  aufho  ,
.zu  der  als  „Geburtstagsfeier"  eingeladen  worden  war,  hatte  »e,
.trotzdem  die  Untersuchung  den  wahren  Charakter  der  Zusammenkuns  erg  ,
            
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