476 Kap. XIIL Einleitung zur Theorie der Konjunkturbewegungen.
lösung der alten selbstversorgenden Landwirtschaft und erreichen der
arbeitsteilige Produktionsprozeß und damit die Tauschwirtschaft ihre
moderne Vollendung. Es ist von vornherein zu erwarten, daß eine
solche Umwälzung große wirtschaftliche Störungen mit sich bringt. Alle
Urteile über die modernen Auf- und Niedergangsperioden und Krisen
als notwendige Begleiterscheinungen der modernen Produktions- und
Gesellschaftsordnung sind deshalb verfrüht. Die Theorie darf nicht
von vornherein davon ausgehen, daß sie die gänze und restlose Er-
klärung der betreffenden Bewegungen in der Beschaffenheit der jetzt
erreichten Wirtschaftsordnung zu finden hat, sondern muß ihre Auf-
merksamkeit immer auch auf die Bedeutung richten, welche der Über-
gang zu dieser Wirtschaftsordnung haben mag. Wir befinden uns eben
bis auf weiteres noch in einer Übergangszeit und müssen erst abwarten,
welchen Einfluß auf die genannten Bewegungen der Abschluß dieses
Übergangs zeigen wird. Der alte Satz, daß die Krisen immer ver-
heerender werden, ist jedenfalls schon sehr veraltet. In den vor-
geschrittensten und volkswirtschaftlich best geschulten Ländern, wo
einige der wichtigsten früheren Krisenursachen, wie z. B. eine fehler-
hafte Banknotenpolitik, überwunden sind, läßt das vorliegende Material
eher auf eine Abschwächung der Krisen schließen. Wir müssen also
von vornherein die Frage offen lassen, inwiefern die großen wirtschaft-
lichen Wellenbewegungen, die wir jetzt in Betracht ziehen wollen,
im Zusammenhang mit der hier bezeichneten ihrer Natur nach ein-
maligen Umwälzung der gesellschaftlichen Wirtschaftsordnung stehen,
und inwieweit wir erwarten dürfen, daß sie mit dem Abschluß derselben
an Stärke verlieren werden.
Bevor wir zum Studium der Bewegungen des Wirtschaftslebens
unter dem Einfluß der Konjunkturen übergehen, müssen wir uns über
eine Chronologie dieser Konjunkturen einigen, d. h. wir müssen fest-
stellen, in welchen Jahren die Konjunktur von einer Aufgangsperiode
zu einer Depression gewechselt hat. Es liegt in einer solchen Fest-
stellung keine aprioristische Stellungnahme zum vorliegenden Problem.
Die Bestimmung der Zeitpunkte, auf welche wir die wirtschaftlichen
Veränderungen zurückzuführen haben, ist in der Tat eine Terminologie-
frage. Wir müssen bei der Entscheidung dieser Frage nur darauf
Gewicht legen, daß wir uns dem allgemein Anerkannten möglichst
genau anschließen. Glücklicherweise herrscht in diesem Punkte keine
Meinungsverschiedenheit. Wir werden im folgenden die Jahre 1873,
1882, 1890, 1900 und 1907 als Krisenjahre bezeichnen oder auch, um
den Wechsel vom Aufgang zum Niedergang hervorzuheben, Wendejahre.
In unseren Diagrammen werden wir diese Wendejahre, nach dem Vor-
gang von Lucien March im Bulletin de la Statistique Generale de