Full text: Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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Die Che umfaßte doch noch wenigstens in den meisten Fällen 
ein gemeinsames Raten und Taten beider Ehegatten weit über den 
sexuellen Verkehr hinaus. Sie führte die Ehegatten in der Pflege 
für das körperliche Wohl und die geistige Entwickelung der Kinder 
zusammen. Der Verkehr der Gatten war gewiß oft nur ein Zu 
sammenleben und keine Ehe. >Er tvar vielfach nur eine leibliche 
Gemeinschaft, ein Teilen von Tisch und Bett — aber es war doch 
wenigstens eine Gemeinschaft, es war ein Stück wirklicher Ver 
einigung von Mann und.Weib. 
Nur das rechtlose, das sozial minderwertige Weib verstand sich 
und mußte sich zu der verächtlichen Rolle einer bloßen Lustsklavin 
des Mannes verstehen. Das sich prostituierende Weib ist im 
Altertum meist eine rechtlose Stadtfremde, eine Sklavin, es gehört 
im Mittelalter zur Klasse der Deklassierten, zu den fahrenden 
Frauen und zu den direkt im Mädchenhandel feilgehaltenen Weibern, 
es ist in der Neuzeit aus der dienenden Klasse oder aus der untersten 
Schicht des darbenden weiblichen Proletariats hervorgegangen. Die 
Prostituierte ist eine Figur der in Klassen gespaltenen Gesellschaft. 
Die Seele der sich als Persönlichkeit fühlenden, sozial voll 
berechtigten Frau wird sich leidenschaftlich gegen jeden Gedanken 
einer Entmenschung ihres Wesens zu einem bloßen Instrument 
männlicher Geschlechtslust auflehnen. Sie tauscht nur Seele gegen 
Seele aus und machte ihre Seele nicht zur Dienerin der Ver 
richtungen ihres Geschlechtsapparates. Solange das Weib ohne 
Individualität war, die Angehörige einer unterdrückten, sozial 
gering geachteten Klasse, lief es Gefahr, nur als Stückwesen von der 
beherrschten Klasse gewertet zu werden. Es existierte nur als Er- 
rcgerin der männlichen Geschlechtslust, cs vergnügte den Mann 
körperlich und geistig. Selbst die vergeistigte Hetäre diente eigentlich 
nur dem allerdings veredelten geistig-leiblichen Vergnügen des 
Mannes. 
Die Prostitution ritz den körperlichen Liebesverkchr von den 
so ernsten Sorgen für das Weib und für das kommende Geschlecht 
los. Die Gegenwart triumphierte über die Zukunft. Das Weib 
wurde durch die Prostitution ein bloßes Geschlechtswesen, das nur 
für eine kurze Spanne Zeit den Mann belustigen sollte. Die 
Prostitution führte zu einem gemeinsamen Teilen schnell ver 
rauschender köperlicher Freuden von Mann und Weib, nicht zum 
Teilen schiverer Lebcnssorgen und der das menschliche Wesen ver 
tiefenden Leiden. 
Die Prostitution erhob das vom Gattungsinteresse 'losgelöste 
körperliche Vergnügen zu einem Gewerbe von Frauen und Mädchen. 
Diese widmeten sich einer raffinierten Ausbildung ihrer - geschlecht 
lichen Reize, Um möglichst den Geschlechtstrieb des Mannes zu er 
regen. Das Gefallen in geschlechtlicher Hinsicht wurde zur Aufgabe 
einer besonderen Gruppe von Frauen, das treue Schaffen für den 
häuslichen Herd und die kommende Generation ward vielfach als
	        
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