Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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drückten  Klasse  an,  und  sie  waren  Wohl  durchweg  Stadtfremde.
Die  Kleiderordnungen  drückten  ihnen  schon  äußerlich  den  Charakter
von  Dirnen  auf.  Suidas  spricht  von  Dirnen,  „bekleidet  mit  geblümten ­
  Gewändern»  welche  buntfarbig  zusammengestellt  oder  mit
verschiedenen  Farben  bemalt  waren,  denn  es  bestand  ein  Gesetz  in
Athen,  das  den  Prostituierten  befahl,  geblümte  Kleider  zu  tragen,
mit  Blumen  oder  verschiedenen  Farben  geschmückt,  damit  dieser
Puh  die  Dirnen  auf  den  ersten  Blick  kenntlich  mache."
Unter  den  Prostituierten  Athens  scheinen  nur  in  der  ersten
Klasse,  in  der  Hetärenklasse,  athenische  Bürgerinnen  vertreten  zu
sein  —  und  ebenfalls  nur  vereinzelt.
Gerade  die  Lebensverhältnisse  der  gewöhnlichen  Dirnen,  der
Flötenbläserinncn  und  Hetären  Athens  haben  eine  müßige,  mit
materiellen  Gütern  reich  gesegnete  Herrenklasse  zur  notwendigen
Grundlage.  Wer  anders  sollte  die  wimmelnde  Schar  dieser  feilen
Frauen  ernähren,  als  die  freien  Athener,  die  von  der  wirtschaftlichen ­
  Ausbeutung  einer  ungeheuren  Sklavenmasse  lebten.  Wer
anders  konnte  den  verführerischen,  die  Sinne  so  stürmisch  bewegenden
Liedern  der  Flötenbläserinnen  halbe  und  ganze  Nächte  hindurch
lauschen  als  jene  Männer,  die  eine  tiefe  Verachtung  vor  jeder
körperlichen  Arbeit  bekundeten  und  eine  unendliche  Zeit  den  verzehrenden ­
  Genüssen  der  Frauen-  und  Knabenliebe  widmen  konnten.
Die  Seelenkräfte  dieser  freien  Bürger  verbrauchten  sich  nicht  in  den
Mühen  ernster,  anstrengender  Wirtschaftsarbeiten,  sondern  lebten
sich  ungeschwächt  und  völlig  ungebunden  in  den  wechselnden,  von
einer  heiß  sinnlichen  Phantasie  überschwänglich  ausgestalteten
sexuellen  Vergnügungen  aus.  Nirgends  trat  wohl  bisher  in  der
Geschichte  die  Loslösung  der  Liebesumarmung  von  dem  Fortpflanzungsakt ­
  so  klar  in  Erscheinung  als  bei  den  Athenern.  Diese
leidenschaftliche  sexuelle  Vermischung  des  freien  Atheners  mit  der
siadtfremdcn,  rechtlosen  Hetäre  sollte  gar  nicht  ein  neues  Geschlecht
von  Athenern  schaffen.  Und  zu  einem  raffinierten  Wollustkultus
wurde  von  den  Priesterinnen  der  Venus  die  ausschweifende,  unfruchtbare ­
  Liebesumarmung  erhoben.  Die  Ehefrau,  stets  den
schweren  Gefahren  der  Mutterschaft,  der  Aufzucht  der  Kinder  und
den  Hanshaltungssorgen  überliefert,  mußte  ihre  Frauenreize  int
Dienste  der  Gattung  verkümmern  lassen,  während  die  Hetäre  ihre,
den  Geschlechtstrieb  des  Mannes  gewaltsam  aufstachelnden  Reize
künstlich  zu  entwickeln  und  zu  erhalten  verstand.  Die  in  der  Oeffentlichkeit
  glänzende.  Hetäre  reißt  den  vollblütigen,  wollüstigen  Liebestrieb ­
  des  Mannes  an  sich,  und  die  bescheidene  Ehefrau,  die  treue
Hüterin  des  häuslichen  Herdes,  liegt  der  so  schmerzensreichen  und
gefahrvollen  Mühe  der  Fortpflanzung  der  Rasse  ob.  Mit  wundervoller ­
  Klarheit  beleuchtet  Demosthenes  in  seiner  Rede  gegen  Reära
die  Trennung  des  Liebesgenusses  von  dem  Fortpflanzungsakt,  die
sich  im  sexuellen  Leben  der  Athener  so  scharf  durchgesetzt  hatte.
„Wir  haben  Hetären,"  sagte  er,  „zu  unserem  Vergnügen,  Konkubinen
            
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