Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

für  den  täglichen  Gebrauch,  aber  Eheweiber,  um  uns  legitime
Kinder  zu  geben  und  das  Innere  unseres  Hauses  zu  überwachen."
An  der  Seite  ihres  in  der  Oeffentlichkeit  lebenden  Mannes
sah  man  die  athenische  Ehefrau  sehr  selten,  Wohl  nur  bei  Gelegenheit ­
  der  religiösen  Feste.  Verschleiert  zeigt  sie  sich  auf  der  Straße.
Sie  lag  im  Hause  nur  den  strengen  Pflichten  der  Mutter  ob.
Der  Dichter  Simonides  zeichnete  mit  folgenden  charakteristischen
Zügen  das  Idealbild  der  Ehefrau:  „Glücklich  ist  der  Sterbliche,
welcher  eine  solche  als  Weib  findet.  Sie  allein  unter  allen  läßt
der  Unzucht  keinen  Zutritt  in  ihr  Herz,  sie  sichert  ihrem  Gatten
ein  langes,  ruhiges  Leben.  Mit  ihm  in  rührendem  Einklänge
alternd,  als  Mutter  einer  zahlreichen  Familie,  an  der  sie  Lust
hat,  ausgezeichnet  unter  allen  Weibern,  deren  rühmliches  Beispiel
sie  ist,  sieht  man  sic  nicht  ihre  Zeit  mit  leeren:  Geschwätz  verlieren.
Die  Bescheidenheit  herrscht  in  ihren  Reden  und  scheint  einen  höheren
Glanz  ihrer  Anmut  zu  verleihen,  welche  sie  nie  verläßt  und  sich
über  alle  ihre  Beschäftigungen  ausbreitet."
Die  athenische  Ehefrau  verließ  nie  ohne  Wissen  ihres  Mannes
das  Haus.  Sie  brachte  ihr  Dasein  zumeist  im  Frauenraume,  in
der  Gynäkonitis  zu  in  treuer  Erfüllung  der  großen  Gattungsaufgabe: ­
  der  Auferziehung  der  Kinder.  Sie  lebte  mit  dem  Manne
nur  im  Schlaf-  und  Eßzimmer  zusammen  und  nahm  keinen  Anteil
an  den  fröhlichen  Festen  der  Männer  im  eigenen  Hause.  Wollte
sie.  nicht  als  Ehebrecherin  oder  Hetäre  gelten,  so  mußte  sie  sich  selbst
dann  in  ihr  Fraucngemach  zurückziehen,  wenn  ihr  Mann  nur  einen
Gast  ins  Haus  brachte.  Während  der  Mann  in  den  Armen  der
Hetären  schwelgte,  hat  sie  peinlich  über  ihre  Lebensführung  zu
wachen,  damit  auch  nicht  entfernt  der  Verdacht  aufkam,  sie  habe
ihr  Auge  auf  andere  Männer  geworfen.  Im  Falle  des  Ehebruchs
traf  die  Frau  Ehrlosigkeit,  und  der  von  den  tollen  Gelagen  mit
Dirnen  heimkehrende  Mann  tötete  ungestraft  den  Ehebrecher,  den
er  bei  seiner  Frau  fand.
Natürlich  konnte  in  der  Herrenklassc  der  freien  Athener  nur
die  Gruppe  der  reichen  Müßiggänger  die  Liebkosungen  der  schönen
Hetären  erkaufen.*)  Die  berühmte  Buhlerin  Lais  forderte  in  den
Tagen  ihrer  blühenden  Schönheit  von  dem  Redner  Demosthenes  für
die  Vergnügungen  einer  Nacht  die  Kleinigkeit  von  10  000  Drachmen.
Diesem  klang  diese  Forderung  zu  hoch,  und  er  verzichtete  auf  diese
teuren  Freuden  einer  Nacht.  Die  freien  Athener  zerfielen  zur  Zeit
des  Demosthenes  in  schwelgerische,  von  der  Massensklaverei  üppig
lebende  Reiche  und  in  korrumpierte,  auf  öffentliche  Kosten  ernährte
schmarotzende  Arme.  „In  früherer  Zeit,"  sagte  einmal  Demosthenes,
„war  es  anders  als  jetzt.  Damals  war  alles,  was  dem  Staate  angehörte, ­
  reich  und  glänzend,  unter  den  einzelnen  Bürgern  aber

*)  Siehe:  Pierre  Dusour,  Geschichte  der  Prostitution  (Altcrtum-Griechen-Römer).
  Verlag  I.  Gnadenfeld  &  Co.,  Berlin.
            
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