Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

24

gleichen  sozialen  Klasse  nichts  sozial  Entehrendes  an  sich  trägt,
erhält  leicht  den  Stempel  der  Käuflichkeit,  wenn  er  unter  den  Mitgliedern ­
  verschiedener  sozialer  Klassen  gepflogen  wird.  Mit  tiefem
Verständnis  für  die  eigenartige  soziale  Welt  des  platten  Landes
hebt  eine  Bemerkung  in  dem  Sammelwerk  über  „die  geschlechtlichsittlichen
  Verhältnisse  der  evangelischen  Landbewohner  im  Deutschen
Reiche"  die  sozialen  Umwälzungen  hervor,  die  sich  in  dem  Leben  der
in  neue  städtische  Unterordnungsverhältnisse  tretenden  Landmädchen
vollziehen.  „Besonders,"  so  heißt  es  dort,  „in  der  Fremde,  wenn  sie
dem  Einfluß  des  Elternhauses  und  der  Heimat  entrückt  sind,  auch
wenn  sie  keinen  heiratslustigen  und  heiratsfähigen  Schatz  finden,
fallen  die  Mädchen  der  gewissenlosen  Verführung  und  dem  Mißbrauch ­
  der  Autorität  zum  Opfer  und  geben  sich  einem  Gcschlechtsgenuß
  hin,  der  die  Aussicht  auf  Heirat  nicht  bietet."
Selbst  in  den  Zentren  der  kapitalistischen  Großindustrie,  die  den
ausgeprägten  Charakter  von  Nurfabrikstädten  haben,  und  in  denen
das  Proletariat  fast  ausschließlich  mit  seinesgleichen  verkehrt,  hat
die  Prostitution  nicht  so  um  sich  gegriffen  als  in  den  großen  Handelsund ­
  Fremdenbcrkehrsstättcn,  wo  dicht  nebeneinander  die  Angehörigen ­
  der  verschiedensten  sozialen  Klassen  gelagert  sind  und  notgedrungen ­
  in  engster  Verbindung  miteinander  stehen.
Die  Umfrage  der  „Deutschen  Gesellschaft  zur  Bekämpfung  der
Geschlechtskrankheiten"  an  die  deutschen  Stadt-  und  Polizeiverwaltungen ­
  über  die  Wohnungsverhältnisse  der  Prostituierten
ergab,  daß  die  Prostitution  nur  spärlich  und  vereinzelt  in  den
Fabrikstädten  Wurzel  gefaßt  hat.  Von  Oberhausen  bemerkte  zum
Beispiel  in  dieser  Umfrage  die  dortige  Polizeiverwaltung,  daß  seit
Jahren  keine  weiblichen  Personen  unter  Sittenkontrolle  gestanden
hätten.  In  Duisburg  ist  die  Zahl  der  dort  wohnenden  Prostituierten ­
  nach  einer  Mitteilung  des  Duisburger  Oberbürgermeisters
nur  eine  geringe,  „so  daß  eine  Notwendigkeit  zur  Anweisung  besonderer ­
  Häuser  bezw.  Straßen  für  die  Dirnen  nicht  hervorgetreten
sei".  In  Remscheid  ist  nach  einer  Mitteilung  der  Polizeiverwaltung
„eine  Durchseuchung  der  Bevölkerung  mit  Prostitution  nicht  zu
konstatieren."  „.  .  .  Die  Prostitution  ist  hier  für  eine  Fabrikstadt
sogar  auffallend  gering.  Es  findet  dies  seinen  Grund  in  der  Nähe
der  rheinischen  Großstädte,  in  her  ländlichen  Bebauung  und  in  der
meist  geübten  Sitte,  bei  Folgen  außerehelichen  Verkehrs  die  Beischläferin ­
  zu  heiraten."  Die  Prostitution  ist  gering,  eben  weil
Remscheid  eine  ausgesprochene  Fabrikstadt,  in  der  die  Arbeiter  mit
ihren  Klassengenossinnen  verkehren  und  sie  bei  etwaigen  Folgen  des
außerehelichen  Beischlafes  heiraten.  In  Spandau,  einer  Fabrikstadt,
  klagt  der  Berichterstatter  Kreisarzt  Dr.  Jaenicke  in  der  „Denkschrift ­
  der  Frauenvereine  über  das  Bordellwesen  Deutschlands",  sei
„die  Unsittlichkeit  und  Verführung  sehr  groß".  („Fabriken  mit
zahlreichen  Arbeitern  und  Arbeiterinnen").  Trotz  dieser  „großen
Unsittlichkcit"  ist  die  Zahl  der  sexuellen  Erkrankungen  nach  der
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.