Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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wurde,  finden  wir  folgende  Tatsachen  über  die  Anwesenheit  minderjähriger ­
  Prostituierten  in  den  Bordellen  Sachsens  gebucht:
Ueber  die  Prostitutionsverhältnisse  Annabergs  berichtete  der
Bezirksarzt  Medizinalrat  Dr.  Stichler  an  die  Verfasserin  der
„Denkschrift".  Als  „persönliche  Bemerkung"  finden  wir  die  folgenden
sehr  charakteristischen  Sätze  in  die  „Denkschrift"  eingetragen:
„Dem  Inhaber  des  Bordells  ist  zurzeit  nachgelassen  worden,
auch  Minderjährige  mindestens  über  18  Jahre  in  sein  Haus
aufzunehmen,  wenn  diese  den  Nachweis  bringen,  daß  deren  Eltern
bezw.  Vormünder  gegen  den  Aufenthalt  in  öffentlichen  Häusern
Einwendungen  nicht  erheben."
In  Crimmitschau  stehen  sechs  Mädchen  in  der  Dirnenliste.  Von
17  Jahren  an  werden  Mädchen  in  die  Liste  eingetragen.
In  Reichenbach  i.  V.  prostituieren  sich  sieben  Mädchen  in  zwei
Bordellen.  Es  werden  dort  Mädchen  vom  vollendeten  16.  Jahre
eingeschrieben.  Als  berichtenden  Arzt  nennt  die  „Denkschrift"  den
Polizeiarzt  Dr.  Zucker.
Gelingt  den  Polizeiverwaltungen  nun  mit  der  Tolerierung  der
Bordelle  der  beabsichtigte  Zweck,  den  ganzen  Prostitutionsverkehr
aus  der  Öffentlichkeit  hinauszurücken  und  in  die  Bordelle  zu  verlegen ­
  ?  Keineswegs!
Mit  der  Gestattung  der  Bordelle  öffnet  sie  aber  einem  noch
größeren  sozialen  Uebel  als  der  gewöhnlichen  Prostitution  Tür  und
Tor:  dem  Mädchenhandel.  Die  Existenz  der  Bordelle  hat  einen
häufigen  Austausch  der  Mädchen  zwischen  den  Bordellen  und  ein
starkes  Anwerben  von  jungen  Mädchen  für  die  Bordelle  zur  Folge.
Ein  Gutachten  der  königl.  Polizeidirektion  zu  Dresden  „betreffend
das  Für  und  Wider  der  Genehmigung  von  Bordellen"  vom  Jahre
1888  unterstrich  schon  kräftig  die  Tatsache,  daß  Dresden  mit  seinen
Bordellen  das  erste  Stadium  für  das  sich  in  Böhmen  massenhaft
vorfindende  für  Deutschland  bestimmte  Prosnrutionsmaterial  sei.
„Die  Polizeibehörden  sind,"  so  heißt  es  in  diesem  Gutachten,  „diesem
Menschenhandel  gegenüber,  der  eben  nur  im  Interesse  der  öffentlichen ­
  Häuser  geschieht,  ziemlich  machtlos."
Gerade  nach  den  Ländern  eines  blühenden  Bordellwesens  fluten
jahraus  jahrein  die  „Collis"  mit  frischer  Menschenware.  Argentinien ­
  verschlingt  alljährlich  ganze  Hekatomben  von  weißen  Sklavinnen. ­
  Der  Mädchenhandel  wird,  wie  Dr.  O.  Henne  am  Rhyn  in
seiner  Schrift:  „Prostitution  und  Mädchenhandel"  berichtet,  in
Buenos  Aires  mit  einer  solchen  Schamlosigkeit  betrieben,  die  der
Polizei  offen  Hohn  spricht.  Die  Gefangenen  der  Bordelle  werden
um  Preise  verhandelt,  die  in  Argentinien  für  „mittlere"  Ware  aus
120  bis  150,  für  „bessere"  aber  auf  200  bis  250  Pfund  Sterling
steigen.  „Sie  werden  jeder  Kontrolle  entzogen,  bei  Nachforschungen
in  Schränken,  Kisten  und  geheimen  Gemächern  versteckt  oder  über  die
Dächer  zu  Spießgesellen  geschleppt,  sogar  in  Fällen  syphilitischer  Erkrankungen ­
  zum  fortgesetzten  Dienst  der  Venus  gezwungen,  bei
            
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