Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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häuft,  greifen  sodann  die  Verfasser  der  Denkschrift  nur  zwei  besonders ­
  sprechende,  die  Gebresten  unseres  Vormundschaftswesens
enthüllenden  Tatsachen  heraus.  Ein  ehrenhafter  Mitstreiter  der
Freiheitskriege,  ein  Offizier,  ließ  etwa  zwanzig  Jahre  nach  Beendigung ­
  dieser  Freiheitskämpfe  eine  Frau,  vier  Töchter  und  einen
Sohn  in  den  ärmlichsten  Verhältnissen  zurück.  Zuin  Vormund  der
Kinder  wurde  ein  ungebildeter,  selbst  von  schweren  Nahrungssorgen
niedergedrückter  Viktualienhändler  bestimmt.  Als  die  Familie  aus
seinem  Bezirke  verzog,  schlief  die  mangelhafte  Aufsicht  völlig  ein.
Die  vier  Töchter  verschlang  die  Straße,  der  Sohn  geriet  aus  die
Laufbahn  des  Verbrechens.  „Die  Kinder,"  heißt  es  in  der  Denkschrift, ­
  „waren  mit  den  schönsten  Anlagen  geboren,  von  Natur  gutartig. ­
  Was  sie  geworden  sind,  wurden  sie  infolge  einer  vernachlässigten ­
  schlechten  Erziehung.  Hüt  der  Vormund  die  Schuld?  Der
Vormund  verstand  die  ihm  überwiesene  Pflicht  nicht  besser,  er  betrachtete ­
  sie  als  eine  Bürde,  die  er  sich  so  leicht  wie  möglich  zu
machen  suchte,  —  und  was  hätte  er  in  seiner  Lage  für  die  Kinder
auch  tun  können,  selbst  beim  besten  Willen?  Dem  Vormundschaftsgcricht
  ist  auch  kein  Vorwurf  zu  machen,  es  folgte  dem  gewöhnlichen
Gange,  indem  cs  aus  den  Bezirkslistcn  einen  ehrsamen  Bürger  auswählte ­
  und  ihn  als  Vormund  verpflichtete."  Die  Tochter  eines  redlichen ­
  Schmiedes  wurde  von  ihrem  harten,  eigensinnigen  Vormund
zu  einem  Bierschänker  in  Dienst  getan.  Dieser  züchtigte  sie  oft
brutal,  und  sie  lief  hülfesuchend  zu  ihrem  Vormund.  Dieser  stieß
sie  schimpfend  und  prügelnd  aus  seinem  Hause.  Nach  einer  schmählichen ­
  unverdienten  Mißhandlung  nahm  sie  Zuflucht  zum  Grabe
ihrer  Mutter,  auf  dem  sie  händeringend  und  schluchzend  lag,  bis  sic
vom  Kirchhofe  gewiesen  wurde.  Durch  die  Vermittelung  einer
Freundin  ihrer  Mutter,  einer  armen  Witwe,  bekam  sie  Arbeit  in
einer  Wollsortiererei.  Aus  dieser  Stätte  rühriger  Arbeit  vertrieb
sie  der  Eigensinn  des  Vormunds,  der  sie  wieder  ihrem  brutalen
Peiniger,  ihrem  früheren  Dienstherrn,  überlieferte.  Die  Brutalitäten ­
  dieses  Mannes  jagten  sie  abermals  aus  dem  Dienst,  und  nun
endlich,  da  ihr  die  Polizei  schützend  zur  Seite  stand,  durfte  sie  bei
der  Freundin  ihrer  Mutter  Wohnung  nehmen  und  ihrer  Arbeit  in
der  Wollsortiererei  nachgehen.  Nach  einem  halbjährlichen  emsigen
Schaffen  wurde  sie  brotlos  und  mußte  nun  abermals  die  Schwelle
ihres  Vormunds  betreten.  Dieser  trieb  sie  unter  den  gemeinsten
Schimpfwörtern  fort.  Qualvolle  Wochen  ganzer  oder  teilwciser
Arbeitslosigkeit  brachen  ihre  Energie,  und  willenlos  trieb  sie  nun  im
Strome  des  Lasters  umher.  „Jeder  Widerwille  gegen  ihre  schandbare ­
  Lebensweise,"  heißt  es  in  der  Denkschrift,  „scheint  in  ihr,  erloschen, ­
  und  nur  dann,  wenn  sie  auf  die  Erinnerung  ihrer  Jugend,
auf  das  Andenken  an  ihre  Mutter  zurückgeführt  wird,  erhebt  sich  in
ihr  ein  Gefühl  der  tiefsten  Wehmut  und  des  bittersten  Jammers.
Der  Bruder,  der  später  eine  Zeitlang  als  Kellner  konditionierte,  hat
sich  sodann  brotlos  umhergetrieben  und  ist  verschollen.  —  Sind
            
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