Full text : David Ricardo und die Grenzwerttheorie

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Daß  A.  Smith  die  fundamentale  Unterscheidung
zwischen  den  beiden  Kategorien  der  Bedürfnisse,  den
Existenz-  und  den  Kulturbedürfnissen  gleichsam  intuitiv
empfand,  wird  aus  verschiedenen  Stellen  seines  „Volkswohlstandes“ ­
  ersichtlich;  so  sagt  er  einmal:  „  .  .  .  daß
das  Verlangen  nach  Nahrung  hei  jedem  Menschen  durch
den  engen  Raum  des  menschlichen  Magens  begrenzt  ist,
aber  das  Verlangen  nach  Bequemlichkeiten  und  Verschönerungen ­
  der  Wohnung,  Kleidung,  des  Fuhrwerks
und  des  Hausrats  keine  Grenze  oder  sichere  Schranke
zu  haben  scheint.“ 1 )  Wo  eine  höhere  Kulturstufe  besteht, ­
  muß  die  Befriedigung  der  zweiten  Bedürfnisart,
der  Kulturbedürfnisse,  das  wichtigere  Motiv  oder  die
eigentliche  Triebfeder  des  Wirtschaftens  abgeben.  Denn
nur  da,  wo  der  Mensch  nicht  jeden  Tag  ans  Darben
und  an  das  Existenzminimum  zu  denken  braucht,  kann
er  überhaupt  eine  höhere  Lebensweise  führen.
Hieran  knüpft  der  Gedanke  vom  Grenznutzen  oder
vom  Grenzwerte  an;  er  beruht  auf  der  einfachen  und
feinen  Beobachtung,  daß  die  primären  Bedürfnisse  nicht
sehr  ausdehnbar,  aber  auch  ohne  Zerstörung  des  menschlichen ­
  Lebens  nicht  zusammenziehbar,  relativ  unelastisch
nach  unten  oder  nach  oben  sind.  Die  untere  Grenze
der  Bedürfnisbefriedigung  zur  Fristung  eines  menschlichen ­
  Lebens  nennt  man  das  Existenzminimum,  das  an
sich  eine  relative,  nach  Zeit,  Ort  und  Person  verschiedene ­
  Größe  ist.
Diese  Elastizität  der  Kulturbedürfnisse  im  Vergleich
zu  den  Existenzbedürfnissen  kann  man  mit  einem  zusammenhängenden ­
  System  von  Sprungfedern  vergleichen,
wo  die  Federn  aus  verschiedenem  Draht  gemacht  sind,
eine  aus  biegsamerem,  andere  aus  spröderem  Metall.
')  Wealth  of  nations,  zitiert  in  Ricardos  Principles,  deutsch
von  Baumstark,  2.  Aufl.  1877,  S.  357.
            
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