Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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werden müssen, die Arbeitskräfte sind infolgedessen knapp. In diesen 
Zeiten brechen viele Arbeitseinstellungen aus und haben am meisten 
günstigen Erfolg. Das Frühjahr ist hierfür die günstigste Saison. Bei 
wirtschaftlicher Depression liegt die Sache natürlich umgekehrt, ebenso 
besonders im Winter. 
Im Ganzen scheinen in Deutschland weniger Arbeitseinstelluggen 
zu reussieren, als in England und Amerika, weil die Arbeiterorganisation 
hier weniger vollkommen durchgeführt ist, und namentlich kleineren 
Vereinen nicht so intelligente und umsichtige Führer zur Seite stehen, 
als in den anderen Ländern. 
Es ist nun ein grosser Fehler, der vielfach gemacht wird, allein 
oach der Statistik die Bedeutung der Strikes beurteilen zu wollen, denn 
mnan hat nicht nur die unmittelbare Wirkung, sondern auch vor allem 
lie indirekte in das Auge zu fassen. Haben auch nur verhältnissmässig 
wenige Arbeitseinstellungen einen vollen Erfolg, so ist die Wirkung der- 
selben doch eine ausserordentlich nachhaltige und wirft ihre Schatten 
bereits wesentlich voraus. Schon allein die Möglichkeit, dass ein Strike 
ausbrechen kann, zwingt heutigen Tages die Unternehmer, freiwillig 
Konzessionen zu machen, um es nicht erst zum Kampfe kommen zu 
lassen. Wir sahen, welche ausserordentlichen Opfer dieselben auch 
den Arbeitgebern auferlegen. Es ist klar, dass sich allmählich auf Grund 
der Erfahrung die Erkenntnis herausbilden muss, dass sich beide Teile 
am besten dabei stehen, es zum Ausbruch des Kampfes überhaupt nicht 
kommen zu lassen. Das wird aber erst dann von Erfolg begleitet sein, 
wenn beide Teile sich gegenseitig zu respektieren und zu fürchten ge- 
lernt haben. Ein sehr gutes Beispiel ist uns in Milwaukee in den Ver. 
Staaten von N. Amerika entgegengetreten. Wir konstatierten, dass 
die Brauereien sich ‚dort den Forderungen der grossen Brauervereine 
völlig unterworfen hatten, vor allem nicht nur Brauer, sondern auch 
andere Handwerker, Böttcher, Maschinen-Schlosser ete. nur anzustellen, 
wenn sie bestimmten Gewerkvereinen angehörten, und dergleichen ausser- 
ordentlich weitgehenden Ansprüchen. Auf unsere Frage, wie sie sich dazu 
hätten verstehen können, wurde rückhaltlos erklärt, sie seien dazu ge- 
zwungen, sie hätten bei den letzten Strikes zu grosse Einbusse erfahren. 
Bei einer späteren Besprechung mit dem Führer des grossen Brauervereins 
erklärte dieser, sie wären nicht im Stande, den grossen Unternehmungen 
gegenüber aufzukommen, alle Strikes gingen verloren, sobald die wenigen 
grossen Unternehmungen sich verständigten. Mit neuen Forderungen 
zu kommen, sei völlig aussichtslos. So war aus beiderseitiger Furcht 
vor dem Ausbruch eines Strikes eine Vereinbarung zustande gekommen, 
welche in der Hauptsache den Verhältnissen beider Teile entsprach. 
Je grösser die Umsicht und Redlichkeit der Arbeiterführer, je klarer 
die wirtschaftlichen Verhältnisse vor aller Augen liegen, je mehr gerade 
die Unternehmer ihre Verhältnisse rückhaltlos der Oeffentlichkeit zu 
übergeben geneigt sind, um so mehr werden Strikes vermieden werden. 
Das wird aber nur der Fall sein, wenn die Arbeitgeber mehr und mehr 
die Arbeiter als gleichberechtigten Faktor anerkennen, sie nicht aber 
als einfache Untergebene behandeln. 
Wachsende Auf der anderen Seite nehmen die Strikes an Umfang und 
efahr durch Bedeutung immermehr zu, wenn sie erst zum Ausbruch gekommen 
die Strikes. sind, als natürliche Folge einerseits der Entwickelung des Gross-
	        
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