Der moderne Imperialismus.
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als auch dadurch, daß es die wertvollsten Eigentümlichkeiten unserer
Gesellschaftsordnung und unseres Nationalcharakters wiedergibt.»
Das Ziel eines derartigen Imperialismus wäre daher die Begründung
und die Forterhaltung eines dem Muttervolke wesensgleichen Volks
tums in überseeischen Ländern. Die Frage, in welcher Weise der
politische Zusammenhang zwischen diesem Mutterlande und den
Tochtervölkern aufrecht erhalten werden soll, beschäftigt ihn einst
weilen nicht.
Die Verwirklichung eines derartigen Gedankens — die Schöpfung
von Tochtervölkern — ist an vielen Orten der Welt, in Amerika,
in Australien, zum Teil auch in Südafrika geglückt. Sieht man vom
spanischen und vom portugiesischen Mittel- und Südamerika ab, wo
der Einfluß einer starken Eingeborenenbevölkerung die Entstehung
einer Mischrasse bedingt hat, so handelt es sich vornehmlich um
Gebiete mit angelsächsischen Bevölkerungen. Zwar sind diese Ge
meinwesen ursprünglich nicht ausschließlich von Angelsachsen be
siedelt worden — Kanada zählt noch heute unter 7192 338 Ein
wohnern 1 649 371 Franzosen; sie tragen aber im großen ganzen
einen angelsächsichen Charakter. Sie sind allerdings, mit wenigen
Ausnahmen, nicht in der systematisch vorausschauenden Weise ge
schaffen worden, die der eben gezeichnete, imperialistische Gedanke
zu verlangen scheint. Man hat ursprünglich vielmehr an die Nutzbar
machung unbewohnter Ländereien gedacht, als an die Schaffung
neuer, dem Mutterlande wesensgleicher Gemeinwesen. Man hätte
sonst kaum die Erschließung Australiens durch ein großzügiges
System der Strafkolonisation in die Wege geleitet und sogar den
Plan gefaßt, seine Entwicklung durch staatlich unterstützte Ein
wanderung von chinesischen Arbeitern und seine Bevölkerungs
zunahme durch Einführung malaiischer Frauen zu beschleunigen.
Trotz alledem sind solche Gemeinwesen entstanden. Sie sind, ent
gegen den Erwartungen, die der Abfall der heutigen Vereinigten
Staaten und des spanischen Südamerika überall hervorgerufen hat,
dem Mutterlande nicht untreu geworden. Sie stehen in enger Ver
bindung mit ihm und haben allem Anschein nach nicht die Absicht,
diese Verbindung zu lösen.
Die Ausgestaltung dieser Beziehungen, des Verhältnisses von
Tochterkolonie zu Mutterland, ist die wichtigste Frage der engli
schen Reichspolitik geworden. — Die alten nordamerikanischen
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