Der moderne Imperialismus.
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V.
Ganz anders liegen die Verhältnisse, wenn eine dichte Bevölkerung
oder ein ungünstiges Klima die Niederlassung von Kolonisten und
damit die Bildung einer weißen, grundbesitzenden Aristokratie un
möglich macht. Hier können die Eingeborenen nicht von europäi
schen Siedlern beherrscht werden; sie müssen von europäischen Be
amten regiert werden, die sich als ultima ratio auf ein europäisches
Besatzungsheer stützen. Es hat auch hier nicht an Möglichkeiten ge
fehlt, die Herrschaft der Europäer den Eingeborenen gegenüber
brutal zu gestalten; an Beispielen von Ausbeutung und Erpressüng
ist die koloniale Geschichte gewiß nicht arm. Es besteht aber hier
keine Klasse, deren wirtschaftlicher Aufstieg von der Ausbeutung
der Eingeborenen abhängt; während andererseits die sorgfältige
Auswahl eines der Kritik der europäischen öffentlichen Meinung
ausgesetzten Beamtentums die Durchführung einer unparteiischen
Verwaltung gewährleistet. So läßt sich der Gedanke, es sei die Auf
gabe der europäischen Staaten, die Eingeborenen zu beherrschen,
um sie zu zivilisieren, verhältnismäßig leicht zur Anerkennung
bringen.
Auch in diesen Gebieten ringen zwei Vorstellungen miteinander.
Die europäischen Regierungen, die von wirklichen, zivilisatorischen
Absichten erfüllt sind, gehen oft unbewußt von der Voraussetzung
aus, daß nur die Zivilisation, die ihr Volk verkörpert, Zivilisation
sei. Sie sehen im Eingeborenenleben nur eine Barbarei, deren Be
seitigung möglichst bald erfolgen muß. Selbst wo es sich um hoch
stehende Völker handelt, die alte Kultur in Kunst und Literatur auf
weisen, erscheint ihr politisches Leben von so vielen Schatten ver
düstert und durch solche Unvollkommenheiten entstellt, daß der
europäische Reformator bewußt seine Beseitigung anstrebt. Man
will, wo es sich um eine vernünftige Politik handelt, die Eingeborenen
nicht von heute auf morgen ihren Gewohnheiten entfremden. Man
hat ihnen die Pflege ihrer Religion und ihrer Sitten gestattet. Man
sucht aber bei ihnen selbst das Bedürfnis nach Befreiung von den
selben zu erwecken und sie zu europäischen Lebensformen zu ver
anlassen. Das ist z. B. zeitweilig das Ziel der englischen Politik in
Indien gewesen. Die englischen Staatsmänner waren Ende des
18. Jahrhunderts zur Überzeugung gelangt, daß eine Hebung der