Full text : Grundfragen der englischen Volkswirtschaft

Der  moderne  Imperialismus.

143

V.
Ganz  anders  liegen  die  Verhältnisse,  wenn  eine  dichte  Bevölkerung
oder  ein  ungünstiges  Klima  die  Niederlassung  von  Kolonisten  und
damit  die  Bildung  einer  weißen,  grundbesitzenden  Aristokratie  unmöglich ­
  macht.  Hier  können  die  Eingeborenen  nicht  von  europäischen ­
  Siedlern  beherrscht  werden;  sie  müssen  von  europäischen  Beamten ­
  regiert  werden,  die  sich  als  ultima  ratio  auf  ein  europäisches
Besatzungsheer  stützen.  Es  hat  auch  hier  nicht  an  Möglichkeiten  gefehlt, ­
  die  Herrschaft  der  Europäer  den  Eingeborenen  gegenüber
brutal  zu  gestalten;  an  Beispielen  von  Ausbeutung  und  Erpressüng
ist  die  koloniale  Geschichte  gewiß  nicht  arm.  Es  besteht  aber  hier
keine  Klasse,  deren  wirtschaftlicher  Aufstieg  von  der  Ausbeutung
der  Eingeborenen  abhängt;  während  andererseits  die  sorgfältige
Auswahl  eines  der  Kritik  der  europäischen  öffentlichen  Meinung
ausgesetzten  Beamtentums  die  Durchführung  einer  unparteiischen
Verwaltung  gewährleistet.  So  läßt  sich  der  Gedanke,  es  sei  die  Aufgabe ­
  der  europäischen  Staaten,  die  Eingeborenen  zu  beherrschen,
um  sie  zu  zivilisieren,  verhältnismäßig  leicht  zur  Anerkennung
bringen.
Auch  in  diesen  Gebieten  ringen  zwei  Vorstellungen  miteinander.
Die  europäischen  Regierungen,  die  von  wirklichen,  zivilisatorischen
Absichten  erfüllt  sind,  gehen  oft  unbewußt  von  der  Voraussetzung
aus,  daß  nur  die  Zivilisation,  die  ihr  Volk  verkörpert,  Zivilisation
sei.  Sie  sehen  im  Eingeborenenleben  nur  eine  Barbarei,  deren  Beseitigung ­
  möglichst  bald  erfolgen  muß.  Selbst  wo  es  sich  um  hochstehende ­
  Völker  handelt,  die  alte  Kultur  in  Kunst  und  Literatur  aufweisen, ­
  erscheint  ihr  politisches  Leben  von  so  vielen  Schatten  verdüstert ­
  und  durch  solche  Unvollkommenheiten  entstellt,  daß  der
europäische  Reformator  bewußt  seine  Beseitigung  anstrebt.  Man
will,  wo  es  sich  um  eine  vernünftige  Politik  handelt,  die  Eingeborenen
nicht  von  heute  auf  morgen  ihren  Gewohnheiten  entfremden.  Man
hat  ihnen  die  Pflege  ihrer  Religion  und  ihrer  Sitten  gestattet.  Man
sucht  aber  bei  ihnen  selbst  das  Bedürfnis  nach  Befreiung  von  denselben ­
  zu  erwecken  und  sie  zu  europäischen  Lebensformen  zu  veranlassen. ­
  Das  ist  z.  B.  zeitweilig  das  Ziel  der  englischen  Politik  in
Indien  gewesen.  Die  englischen  Staatsmänner  waren  Ende  des
18.  Jahrhunderts  zur  Überzeugung  gelangt,  daß  eine  Hebung  der
            
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