Die englische Industrie.
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worden. Dagegen ist die englische Textilindustrie noch immer an
der Spitze aller Länder.
Das ist kein Zufall. Unsere Stärke liegt in der wissenschaftlichen
Durchbildung unserer Beamten, in dem großen Angebot an Techni
kern und Chemikern. Auch auf rein wirtschaftlichem Gebiete ver
mögen wir besser als der Engländer die feste Organisation eines
Kartells oder Trusts zu verwalten, in der nach bestimmten Regeln,
mit einem großen Maße systematischen Wissens gearbeitet werden
muß. So hoch die englische Wissenschaft in ihren Spitzen steht, so
großes sie beispielsweise auf physikalischem und chemischem Ge
biete geleistet hat, sie ist so exklusiv, wie alle Bildung in England.
Die Stärke der englischen Industrie liegt in dem reichen Maße an
Erfahrung und Anpassungsfähigkeit, das Leiter, Werkmeister und
Arbeiter auszeichnet. Der Engländer ist Empiriker, der Deutsche
Systematiker. Noch heute kann sich die englische Eisenindustrie
nicht daran gewöhnen, von jeder Charge eine Probe zu nehmen,
Erze und Roheisen genau nach Analyse zu mischen und alles, was
sie bisher erfahrungsgemäß nach Farbe, Aussehen und ähnlichen
Kennzeichen beurteilt hat, festen und meßbaren Analysen zu unter
werfen.
Für einen großen Teil der Industrie ist diese englische Art heute
antiquiert, sie bildet einen großen Mangel, der auch von verständigen
Leuten erkannt und durch Verbesserung des Schul- und Universitäts
wesens zu beheben gesucht wird. Aber wo die Einengung in feste
Regeln versagt, wo die wissenschaftliche Untersuchung zum min
desten heute noch nicht anwendbar ist, feiert das englische System,
vor allem auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Organisation, große
Triumphe.
Wie der Deutsche sich nicht genug darüber wundern kann, daß
die auf reiner Tradition beruhende, ungeschriebene Verfassung
Großbritanniens so viel besser arbeitet als alle wohlausgedachten
und festgelegten politischen Systeme, so vermag er sich auch nicht
leicht in die Vorzüge zu finden, die die Empirie und leichte Be
weglichkeit auf vielen wirtschaftlichen Gebieten mit sich bringen.
Für den vergleichenden Nationalökonomen aber bleibt die Frage,
ob denn nicht wenigstens für einen Teil der deutschen Industrie
eine konsequente Fortbildung im Sinne der englischen bisherigen
Organisation viel vorteilhafter und den neuen wirtschaftlichen Ver