Object: Der Weltverkehr und seine Mittel

480 Schiffahrtskanäle. 
Napoleon entfaltete auf dem Gebiete des Kanalbaues die gleiche umfangreiche 
Thätigkeit wie auf dem des Straßenbaues. Unter seiner Herrschaft kam der bereits unter 
Ludwig XV. begonnene Kanal von St. Quentin 1810 zur Vollendung. Dieser Kanal, durch 
welchen die Seine mit der Schelde verbunden wird, besitzt sowohl bei St. Quentin wie 
bei Cambrai Tunnelstrecken. Unter Napoleons Herrschaft kamen ferner zur Ausführung: 
der Kanal von Jemappes, von Sedan und Burgund, der Napoleonskanal, die Kanäle 
von Arles und Beaucaire, von Carcassonne und des Landes, die Kanäle der Ille und 
Rance, der Kanal Blavet und von Nantes nach Brest. Napoleon hatte ferner den Plan, 
eine Verbindung des Rheins mit der Trave und hierdurch mit der Ostsee zu schaffen. 
Durch das Gesetz vom 20. Mai 1802 wurde bestimmt, daß der Ertrag der Schiff 
fahrtsabgaben denjenigen Fluß- oder Kanalstrecken wieder zu gute kommen sollte, für 
deren Benutzung sie entrichtet waren. Die Kriege Napoleons verschlangen jedoch den 
größten Teil dieser Beträge, ja um seine Armeen zu unterhalten, verkaufte Napoleon 
sogar den Kanal du Midi, die Kanäle von Orleans und St. Quentin, von Loing und den 
Kanal du Centre. 
Von 1814—1830 wurden für 149 Millionen Frank Kanäle von 900 km Länge 
erbaut, in der Zeit von 1830—1848 wurden 341 Millionen Frank für den Neubau 
von Wasserstraßen verausgabt. Unter dem zweiten Kaiserreich fand zunächst der Ausbau 
des Eisenbahnnetzes statt, und erst seit 1860 wandte sich die Gunst wieder den Wasser 
straßen zu. Beim Ausbruch des Krieges von 1870 war der größere Teil der Kanäle 
wieder in den Händen des Staates. Unter dem zweiten Kaiserreich kamen der Kanal 
von St. Louis, der Saarkohlenkanal und der Kanal der oberen Marne in Betrieb, und 
die für die Wasserstraßen aufgewandten Geldmittel betrugen für die Zeit von 1852 bis 
1870 239 Millionen Frank. 
Durch die Ereignisse der Jahre 1870/71 erlitt die französische Binnenschiffahrt eine 
Abschwächung, durch den Verlust von Elsaß-Lothringen erfuhr das Kaualnetz eine Ein 
schränkung von 401 km. Wichtige Teile des Rhein-Rhöne, des Rhein-Marnekanals, 
sowie der Saarkohlenkanal wurden von ihm losgelöst. Es ist namentlich dem Ingenieur 
und Minister Freycinet zu danken, daß von neuem das französische Kanalwesen eine 
weitere Ausbildung erhalten hat. Wenn auch nicht alle in dem sogenannten großen 
Freycinetschen Programm (das am 5. August 1879 zum Gesetz wurde) enthalten ge 
wesenen Projekte ihre Erfüllung gefunden haben, so ist doch ein guter Schritt vorwärts 
gethan. Als das bedeutendste Ergebnis dieser Bestrebungen ist die Vereinheitlichung des 
französischen Binnenschiffahrtsnetzes zu bezeichnen. 
Von den nach dem Kriege geschaffenen Kanälen ist der bedeutendste der Ostkanal. 
Von weiteren Kanälen sind zu nennen: der Kanal von Havre nach Tancarville, von 
der Aisne zur Oise (48 km), von der Marne zur Saône (151 km) und vom Doubs 
zur Saône. 
Der Kanal de l'Est (Ostkanal) zieht sich in einer Länge von 500 km an der deutsch 
französischen Grenze hin und verbindet die drei Flußthäler der Maas, Mosel und Saône 
miteinander. Diese Anlage setzt sich aus einzelnen Kanalstrecken und kanalisierten Fluß 
strecken zusammen. Besonders interessant ist die Anordnung der aus dem Moselthal auf 
steigenden Schleusentreppe von Golbey. Hier wird eine enge Mulde durch 14 Quer 
dämme in 14 stufenartig übereinander liegende, durch Schleusen miteinander verbundene 
Teiche geteilt. Eine zweite derartige Schleusentreppe befindet sich auf dem Saôneabhange. 
Mächtige Wasserreservoire dienen zur Aufspeicherung des Wassers. 
Neben dem Ruhme, von allen Kulturvölkern das in sich geschlossenste Wasserstraßennctz 
zu besitzen, gebührt Frankreich die erste Stelle hinsichtlich der Binnenschiffahrtsstatistik, Die 
französische Binnenschiffahrtsstatistik ist eine so eingehende, daß für ihre Erhebungsarbeit 
270 Arbeitskräfte erforderlich sind. Im Vordergrund steht hierbei jedoch nicht die Ermittelung 
des Güternmtausches, sondern das Streben, die Leistungen der einzelnen Wasserstraßen fest 
zustellen. Man ist bemüht, eine möglichst genaue Ermittelung der Transportleistungen auf 
allen Teilen des ausgedehnten Wasserstraßennetzes zu erlangen. Die Länge der schiffbaren 
Wasserstraßen beträgt 12971 km. Hiervon entfallen 4805 km auf Kanäle, 7518 km auf 
natürliche Wasserläufe. Die Differenz muß auf durch Korrektion oder Umbau gesperrte 
Schiffahrtswege gerechnet werden.
	        
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