224 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Dennoch bleibt darüber kein Zweifel, daß Schellings
System um 1800, zur Zeit seines Verblühens, der Hauptsache
nach Begriffsdichtung war und damit recht eigentlich der früh—
romantischen Mystik angehörte; nur dies ließe sich vielleicht
behaupten, daß es schon eine Art Vergröberung und Materiali⸗—
sierung der Mystik darstellte. Denn im Grunde galt von
dieser doch Friedrich Schlegels Vers:
Wer es je im Herzen wagte,
Zu dem Ather zu entfliehen,
Den der Himmel uns versagte.
Denkt in leisen Phantasien,
Was er nie in Worten sagte.
Und doch hatte diese Philosophie die Naturwissenschaften
beeinflußt; doch hatte in der Zeit ihrer Blüte gegolten, daß
die Geschichte der Wissenschaften im Grunde auf die Identi—
fikation des jeweiligen Wesens des Subjekts mit der Welt
hinausläuft!. Wie viel mehr mußte das nun zutreffen, als
die Philosophie mit der allmählichen Entwicklung der Spät—
romantik realistischer zu werden begann und gleichzeitig die
Geisteswissenschaften, die ihren Grundanschauungen von vorn⸗
herein näherstanden, in den Vordergrund der wissenschaftlichen
Entwicklung zu treten begannen, während die Naturwissen—
schaften, durch den Zwischengriff der Naturphilosophie ein
wenig aus der Bahn ihrer mechanischen Grundauffassung ge—
drängt, erst einige Zeit der Sammlung bedurften, um ihren
Eroberungszug im Reiche der organischen und vor allem der
anorganischen Erscheinungswelt fortzusetzen.
Es versteht sich dabei, daß sich in diesem Prozesse Wissen⸗
schaft oder wenigstens Geisteswissenschaft und Philosophie immer
näher traten. Die Wissenschaft entkleidete sich in der Spät—
romantik immer mehr ihres enthusiastischen Charakters, die
Philosophie suchte nicht mehr so sehr mit der Naturwissenschaft
als mit der Geisteswissenschaft Fühlung und nahm sehr intime
Elemente der Ergebnisse dieser, ja selbst ihrer Untersuchungs—
S. oben S. 20 ff.