Die Spätromantik.
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methoden auf: es sind die Zeiten des Wissenschaftsbetriebes im
Sinne der Brüder Grimm und der metaphysischen Lehren
Hegels.
Für die Entwicklung der Geisteswissenschaften in den ro—
mantischen Zeiten ist einer der auffallendsten Züge zunächst die
außerordentliche Erweiterung des Materials. Zwar war diese
um das Jahr 1800 an sich nichts Neues. Wie hatte doch
schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das posititive
Wissen vom Menschen der Gegenwart wie der Vergangen heit
zugenommen! Da war die antike Welt erst recht auch über
die Kenntnis hinweg aufgetaucht, die den überlieferten Schrift⸗
stellern zu entnehmen war; große Forscherreisen hatten der
abendländischen Welt wichtige plastische und bauliche Denk⸗
mäler Griechenlands und Kleinasiens näher gebracht; und eine
Fahrt nach Italien, die sich wohl bis tief in das alte Groß—
griechenland erstrecken mochte, war unter Gebildeten nicht ganz
mehr eine seltene Ausnahme. Aber wie man gleichzeitig auf
dem Wege der psychologischen Untersuchung in die eigene Welt
des Abendlandes, namentlich auch die der Gegenwart, immer
tiefer eindrang, so hatte man auch, dank dem Mittel der An—
eignung geographischer und historischer Kenntnisse, deren Grenzen
weit überschritten: wieviel Erkenntnis verbreitete da nicht die
Literatur der Reisen schon bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts,
und wie bestrickend wirkten nicht in dessen zweiter Hälfte die
Berichte der großen Weltumsegler, die Schriften über die Cook—
schen Fahrten, die Bücher Forsters!
Dennoch ist mit der Romantik wiederum — und für die
Geschichte der ersten Periode des Subjektivismus darf man
sagen: noch einmal — eine außerordentliche Bereicherung des
geisteswissenschaftlichen Materiales eingetreten. Heeren, in feinen
Ideen über die Politik und den Verkehr der vornehmsten
Völker des Altertums, hatte recht, wenn er seiner Zeit be—
zeugte, es habe „noch nie einen Zeitraum gegeben, wo die Erde
und ihre Bewohner so allgemein Gegenstand der Forschung
gewesen wären; noch nie ein Volk, dessen Wißbegierde mit einem
so gleichen Interesse alles umfaßt hätte“, als sein Zeitalter und
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. — 15