IM. Kapitel. Über das Problem der „angewandten“
Theorie.
Unsere vorbereitenden Untersuchungen sind abgeschlossen,
es bleibt, wie gesagt, noch das Hauptproblem zu erörtern — die
einleitend gestellte zweite Frage. Wir treten mit ihr offenbar aus
dem Kreis der intern-wissenschaftlichen Interessen heraus, ver-
ändern den Gesichtspunkt und stehen damit vor völlig neuen Er-
kenntniszielen. Denn die Frage nach der Anwendung der Theorie,
nach den Beziehungen zwischen Theorie und sogenannter Wirk-
lichkeit überschreitet anscheinend das übliche Verifizierungsbedürf-
nis in Richtung wirtschaftspolitischer Absichten. Oder ist diese
Behauptung anfechtbar? Gibt es vielleicht doch so etwas wie eine
sinnvolle Beziehung beider Sphären aufeinander bei nicht-politischer
Zielsetzung ?
Schon wiederholt wurde die Bemerkung gemacht, daß die
Theorie der internationalen Werte mit Vorliebe, ja fast ausnahms-
los auf die de facto zwischen historisch gegebenen Nationalstaaten
bestehenden Wirtschaftsbeziehungen angewendet werde. Trotz man-
cherlei Einwänden, trotz einer Revision des Begriffs Nation sind
schließlich auch die Engländer von diesem Brauch nicht abgewichen
— auch Edgeworth sieht den Fall internationaler Konkurrenz-
hemmung für den wichtigsten an —, eine Auswahl, die von der
Voraussetzung ausgeht, daß jene Nationalstaaten Einheiten sich
deckender Kreise gleichen, die von den Konkurrenzsphären der
Produktionsfaktoren auf der Ebene des Wirtschaftsraumes be-
schrieben werden. Zweifellos ist nun diese Art Voraussetzung
„angewandte‘“ Theorie, darin hat Boehler recht. In ihr drückt
sich ja ein gedanklicher Vorgang aus, den wir oben als Unterstellung
irgendwelcher bestimmter Daten kennzeichneten. Aber — ob
diese Voraussetzung „richtig“ ist, bleibt eine offene Frage —, offen
nicht in Hinsicht ihrer empirischen „Richtigkeit‘“, denn mit Bezug
auf die Wirklichkeit — das ist die gedankliche Ebene der kom-
plexen, unübersehbaren Mannigfaltigkeit — ist jede Auswahl