Full text : Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde

ITALIEN.  —  Die  römischen  Staaten  (Sociales).

345

Formationsstand  der  päpstlichen  Truppen  war  Mitte  1863,  einschliesslich ­
  Gendarmerie  8513  Mann,  darunter:
Infanterie:  1  Reg.  Linie  1700,  1  Bataill.  Jäger  (cacciatori)  800,  1  Bataill.  Zuaven
  (Franzosen  u.  Belgier,  650,  1  Bat  Carabinieri  (Schweizer  650,  1  Bat.
Garnisonstruppen  500,  1  Legion  Gendarmerie  2500  Mann  ;  dazu  Arbeiter,
Krankenwärter  etc.
Cavallerie  Gendarmen  250,  2  Escadr.  Dragoner  300  Mann.
Arttlle.ne:  1  Reg.  mit  3  Feld-  und  5  Positionsbatterien  850  Mann.
Im  J.  1859  war  der  Formationsstand  15,239  M.  mit  1200  Pferden,
Später  vermehrte  man  die  Truppenzahl  bis  auf  ungefähr  25,000  (unter
Lamoricière).  Das  1  reffen  von  Castelfidardo  gegen  die  Piemontesen  vernichtete ­
  das  kleine  Heer.  —  Feste  Plätze-  Civitavecchia,  Castell
Sant’  Angelo  (Engelsburg  zu  Rom),  Porto  d’Anzio.
Socialverhältnisse.  Es  gibt  vier  Stände  :  Geistlichkeit,  Adel,  Bürger
und  Bauern.  Der  erste  Stand  herrscht;  in  seinen  Händen  allein  liegt
alle  Gewalt  ;  er  leitet  Alles,  auch  die  Justiz  und  das  Militärwesen.  Im
frühem  Umfange  des  Kirchenstaats  zählte  man  66,100  Geistliche  (1  auf
45  Einwohner  oder  9  Familien!),  109  Bisthümer,  117  Seminarien,  10,950
Pfarreien  und  19,000  Kirchen  und  Klöster.  Der  Werth  des  Grundbesitzes ­
  der  Geistlichkeit  wird  auf  195  Mill.  Scudi  (über  eine  Milliarde
Franken)  berechnet.  Ausserdem  besitzt  der  Adel  enorme  Reichthümer.
Er  führt  zwar  die  Namen  der  alten  Adelsfamilien,  stammt  aber  grösstentheils
  keineswegs  von  jenen  berühmten  Geschlechtern  ab*,  sondern
verdankt  seinen  Ursprung  oder  seine  Erhebung  vielfach  dem  hohen  Klerus. ­
  Gewerbe  und  Handel  liegen  darnieder.  Dabei  fehlt  es  an  Eisenbahnen, ­
  überhaupt  an  genügenden  Verkehrsmitteln.  Gleiches  Loos  des
Darniederliegens  trifft  den  Ackerbau.  Die  Latifundien,  die  Feudaleinrichtungen, ­
  sind  sein  Verderben  ;  die  Landleute  entbehren  des  freien
Eigenthums  der  von  ihnen  zu  bearbeitenden  Grundstücke.  Guillard
{statistique  humaine)  bemerkt:  »L’agro  Romano,  dessen  Ausdehnung
2000  Quadr.-Kilometer  (36  deutsche  Q.-M.)  übersteigt,  ist  das  Eigenthum ­
  von  113  Familien  und  von  64  Congregationen.  Es  sind  dies  die
grössten  Besitzungen,  die  fürstlichsten  Domänen,  die  es  auf  der  Welt
gibt.  Die  kleinsten  Pachtungen  umfassen  wenigstens  300  Hectaren,  viele
bis  zu  5000  (etwa  18,000  Morgen  =  fast  eine  deutsche  Q.-M.).  Der
Pachtpreis  ist  zwischen  8  und  18  Fres,  für  die  Hectare.  In  der  Provinz
Velletri  bezeichnet  man  das  Pachtgut  von  Campo-Morto,  das  einer
Kirche  gehört,  und  dessen  Ausdehnung  85  Q.-Kilom.  umfasst.  Noch
heute  bildet  es  ein  gesetzliches  Asyl  für  die  Verbrecher!  Latifundia
Italiam  perdiderunt,  sagte  Plinius.  Dieser  Missstand  ist  also  erneuert.
Man-misst  dem  Nepotismus  der  Päpste  diese  Erneuerung  bei.  —  Das
gesammte  Volk  wird  in  möglichster  Unwissenheit  gehalten,  besitzt  aber
weit  mehr  Fähigkeiten  und  Kraft,  als  man  gewöhnlich  annimmt.  Raub
und  andere  Verbrechen  kommen,  in  Folge  der  schlechten  Erziehung  und
der  ganzen  Unnatur  der  Verhältnisse,  in  ungeheuerer  Menge  vor.  Nach
den  amtlichen  Verzeichnissen  betrug  die  Zahl  der  Criminalsträflinge  in
den  Gefängnissen  des  Kirchenstaats  am  30.  Juni  1855  4133,  darunter
608  wegen  Mord  und  Tödtung  12  wegen  Gattenmord
25  -  Elternmord  11  -  Sodomie.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.