Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

I1. Die Haupttatsachen der älteren deutschen Agrargeschichte. 71
Grund und Bodens für den Anbau, diese vor allem im kolonialen
Deutschland, und die Besitveränderungen. Zur rechten Würdigung
 der gewaltigen Kolonisationsarbeit der Deutschen im
Osten haben wir uns allerdings gegenwärtig zu halten, daß sie
dort den Landbau nicht in primitiven Formen begannen, sondern
 die technischen Errungenschasten mitbrachten, die in Altdeutschland
 bis zum Beginn der Kolonisationsperiode zu verzeichnen
 waren.
Das Betriebssystem, zu dem die Deutschen im 8. Jahrhundert
übergegangen waren, die Dreifelderwirtschaft, blieb, wie wir
schon früher bemerkt haben, bestehen. Wenn damit ausgesprochen
wird, daß sich keine grundstürzende Neuerung auf technischem
(Vebiet vollzieht, so ist duch in diesem Rahmen immerhin für
einiges Neue Raum übrig. Einmal wird die Dreifelderwirtschaft
 weiter vorgedrungen sein; wir haben ja nicht anzunehmen,
daß sie im 8. oder 9. Jahrhundert schon zum vollen Sieg gelangt
war. Sodann konnten innerhalb der Dreifelderwirtschast einige
Reformen durchgesührt werden, ohne daß das System an sich
geändert wurde. Dahin gehört die Vermehrung der Pflugarbeit:
zu dem alten dreimaligen Pflügen kommt seit dem 13. Jahrhundert
 ein viertes hinzu, das sog. Rühren der Brache im Juli
uder August (nachdem das eigentliche Brachen im Juni vorhergegangen
 war). Freilich findet sich das viermalige Pflügen
des Ackers innerhalb des dreijährigen Turnus während des
Mittelalters nur vereinzelt. Erst am Schluß des Mittelalters
und auch dann noch äußerst selten läßt sich eine fünfte Pflugarbeit
 entdecken, das sog. Felgen (Umpflügen der Stoppel des
Wintergetreides im Oktober oder November, demgemäß Verzicht
 auf die Stoppelweide von diesem Zeitpunkte an).!) In
höher kultivierten Gegenden wie dem Tal des Niederrheins
kommt ferner eine Besömmerung der Brache vor: es werden
Futterkräuter, dann auch Erbsen, Linsen in die Brache gesäet.?)
1) Vgl. Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben I, 1, S. 558.
2) A. Wrede, Das Klostergut Sülz bei Köln (Köln 1909), S. 19
(Pachtbrief von 1251): es werden jährlich auf 4–s Morgen Wicken
in die Brache gesäet, zur Verwendung als grünes Futterktraut. Heß,
            
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