II. Die Haupttatsachen der älteren deutschen Agrargeschichte. 7 3
Kein Volk Europas und kaum ein Volk des Erdenrunds kann sich
einer so erfolgreichen und fruchtbaren Arbeit rühmen. Grundherr
und Bauer teilen sich in die Arbeit und den Erfolg. Auf dem
Hintergrund der vermehrten ländlichen Siedlungen erhebt sich
dann ein blühendes Städtewesen, das sseinerseits wiederum
die Landwirtschaft befruchtet.
Den großen Erfolg und die im besondern Sinn technische
Leistung der deutschen Landwirtschasst des frühern Mittelalters
erläutern die drei Tatsachen, daß bis zum 13. Jahrhundert die
Zahl der Ortschaften in Altdeutschland erreicht wird, die auch
das 19. kennt!), daß ferner im achten Jahrhundert ein Betriebssystem
zur Einführung gelangt, mit dem Deutschland bis zum
Beginn des neunzehnten auszukommen vermag, und daß höhere
landwirtschaftliche Kultur nach dem slawischen Osten erst durch
die Deutschen gebracht worden ist.
Bei diesem günstigen Urteil, zu dem wir gelangen, übersehen
wir nicht, daß im einzelnen in allen Jahrhunderten über Mißstände,
auch Ungerechtigkeiten geklagt werden konnte. Jm ganzen
genommen und mit den Verhältnissen anderer Zeiten oder anderer
Völker verglichen werden jedoch die deutschen Zustände in jenen
alten Jahrhunderten als erfreuliche zu bezeichnen sein. Die
bunte Mannigfaltigkeit der Besitzverhältnisse, die Verteilung
des Besitßes auf sehr viele Hände und die milden standesrechtlichen
Unterschiede stehen in wohltuendem Gegensatz zu den
schroffen Einseitigkeiten, wie sie anderswo begegnen. Die beherrschende
Ausbildung der Leiheverhältnisse erwies sich für
die ganze Dauer ihres Bestehens als sehr wohltätig, wie sie
weiter für den Augenblick der Bauernbefreiung den denkbar
zahlreichsten Bauernstand zur Verfügung gestellt hat. Die
1) Inzwischen sind nicht wenige Ortschaften wieder eingegangen.
Die Neigung, diese „Wüstungen“ einseitig auf die Verheerungen des
dreißigjährigen Kriegs zurückzuführen, wird heute erfolgreich bekämpft.
Von der ertragreichen Literatur über die Wüstungen sei hier genannt:
Jos. Lappe, Die Wüstungen der Provinz Westfalen (1916); dazu
Wopfner, Savigny-Ztschr, Germ. Abt. 1916, S. 586 ff. Viel
Material bei Haff. D. L. Z. 1917, Nr. 530.