Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

wirtschaft eine Errungenschaft der Neuzeit. 101
Dies System behauptet sich in seinen Grundzügen bis zum
Anfang des 19. Jahrhunderts, bis zur Einführung der Gewerbefreiheit
 !).
Wie sich aber trotz des grundsätzlichen Festhaltens an dem
Gedanken der mittelalterlichen Stadtwirtschaft immerhin seit
dem Ausgang des Mittelalters eine stärkere Neigung des Landmanns
 geltend macht, seine Interessen wahrzunehmen und
namentlich freie Ausfuhr für seine Produkte zu verlangen, so
erhebt sich die Frage nach den Ursachen dieser Wandlung. Man
wird darauf hinweisen, daß zunächst mit der stärkeren Betonung
der Einheit des Territoriums sich die Möglichkeit für die verschiedenen
 Gruppen seiner Insassen eröffnete, ihre Angelegenheiten
 gleichmäßiger zur Sprache zu bringen, daß ferner mit
der Zunahme der landständischen Macht die Ritterschaft, die
in ihr vorwaltenden Einfluß besaß, mehr zu Wort kam. Allein
diese Dinge können nicht als ausschlaggebend angesehen werden;
denn es handelt sich in erster Linie darum, daß eine Neigung der
Landleute sich bemerkbar macht, die man im Mittelalter weit
weniger beobachtet. Woher kommt es, daß jetzt der Trieb,
freie Ausfuhr zu erlangen, kräftiger wird? Die Beziehungen,
auf die wir hinzuweisen haben würden, sind noch so wenig erforscht,
 daß wir mit unserem Urteil zurückhalten. Ohne Zweifel
werden wir aber an die damals, in der Zeit des ausgehenden
Mittelalters und der beginnenden Neuzeit, sich vollziehende
Steigerung des Bedarfs an landwirtschaftlichen Erzeugnissen
zu denken haben, die mit der Zunahme von Handel und Gewerbe,
 dem Wachstum der Städte und 1hrer Bevölkerung zusammenhing,
 wie sie besonders in Oberdeutschland und in den
Niederlanden, auch in England, eintrat. Diese wiederum hob
den Verkehr, veranlaßte eine Mehrung der Schiffahrt. Von
technischen Fortschritten in der Landwirtschaft wird man nur
in sehr bescheidenem Maß sprechen dürfen, wie etwa von der
Einführung der Besömmerung der Brache, die sich nur in ganz
vereinzelten Bezirken (am Niederrhein) einstellte.2) Zu erinnern
1) Vgl. unten Nr. VIII.
2) S. oben S. 71.

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