Full text: Probleme der Wirtschaftsgeschichte

168 U. Über Theorien der wirtschaftlichen Entwicklung der Völker, 
zusammen!). Sie kann andrerseits auch nicht mit der Stadt- 
wirtschaft, mit der sie ja manches, gerade im deutschen Mittel- 
alter?), gemeinsam hat, identifiziert werden. Wenn Bücher 
gleichwohl in seiner jüngeren Theorie auf sie verzichtet hat, so 
geschah es wohl deshalb, weil es außerordentlich schwierig ist, 
ihr ein bestimmtes zeitliches Verhältnis zu andern Virtschafts- 
stufen zu geben. Er hatte sie auf die Hauswirtschaft folgen 
lassen. Aber er hätte sie wohl ebenso gut vor sie seßen können. 
Ich möchte es für schlechthim unmöglich erklären, beide in ein 
zeitliches Verhältnis zu bringen. Wo die Dorfwirtschaft über- 
haupt vorkommt, erscheint sie gleichzeitig mit der Hauswirtschaft. 
Im Laufe der Zeit machen wohl in den meisten Fällen die Haus- 
wirtschaften Fortschritte zu größerer Unabhängigkeit innerhalb 
der Dorfwirtschaft. Aber es finden sich auch, wie die Geschichte 
des russischen Mir beweist, Beispiele vom Gegenteil. Imäübrigen 
werden wir Büchers Anschauungen an der Hand seiner jüngeren 
Theorie erörtern. 
Für die Annahme einer besonderen Wirtschaft des „Stam- 
mes", die in Schmollers Stufenfolge an erster Stelle steht, 
läßt sich kaum eine Begründung ausfindig machen?). In der 
1) Vgl. Sombarts System und dazu seine Bemerkung S. 403: 
Bei dem System der Dorfwirtschaft „werden wir unterscheiden müssen, 
ob wir eine Organisation vor uns haben, bei der der Schwerpunkt 
noch in der Dorfgemeinde oder schon in den einzelbäuerlichen Wirt- 
schaften liegt. Danach ergeben sich zwei verschiedene Wirtschafts- 
formen, die wir bezeichnen wollen als Gemeindewirtschaft und als 
Bauernwirtschaft“. W. VWittich, Grundherrschaft in Nordwest-Deutsch- 
land S. 133 lehnt die Bezeichnung Gemeinwirtschaft in bezug auf 
das alte deutsche Dorf ab. 
2) Auf den Zusammenhang der Stadt- mit der Landgemeinde 
komme ich unten zurück. Vgl. auch Nr. VII. 
3) In seinem „Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre“ 
1, 4 scheint er die Stammeswirtschaft nicht mehr als etwas Selb- 
ständiges anzusehen. Er meint: „Man hat geschwankt, ob man die 
Haus- oder die Stammes- und Dorfwirtschaft als das wesentliche 
Merkmal dieser Epoche des Wirtschaftslebens hervorheben soll." Die 
Erklärung des Begriffs Stamm, die er S. 231 gibt, befriedigt am 
wenigsten für die deutsche Geschichte. Jedenfalls ist es bedenllich,
	        
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