Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

mit bes. Rücksicht auf die Stadtwirtschaft des deutschen Mittelalters. 257
beansprucht. In erster Linie bezieht sie sich nur auf eine Bewegung
 ' des Handels, allerdings auf eine mit weitgreifenden
Folgen: der Umstand, daß viele Waren einen weitern Weg
machen, übt auf die g ew erblich e Verfassung eine große Wirkung
aus. Vielleicht dürfen wir sogar die weitere Einschränkung
machen, daß Bücher sein Augenmerk vorzugsweise auf die Handelswege
 der g ewerblichen Produkte richtet, während er die
Erzeugnisse der Urproduktion wie Salz, Getreide, Holz weniger
berücksichtigt. Indem wir die Geltung seiner Stufentheorie
auf diese Weise einschränken, sind wir dann jedoch in der Lage,
sie um so eher zu verteidigen.
Die Versuche, Stufentheorien über die Kulturentwicklung
im allgemeinen oder auch nur solche für einen großen Teil der
Kultur aufzustellen, scheitern an der Tatsache, daß die verschiedenen
 Seiten der Kultur sich keineswegs in einem genauen
Parallelismus entwickeln. Wir glauben an einen innern Zusammenhang
 zwischen ihnen und können ja auch, wie vorhin
angedeutet, eine Einwirkung der einen auf die andere nachweisen.
 Indessen bekunden die verschiedenen Seiten der Kultur
doch oft genug ihre Selbständigkeit: die eine bleibt zurück, während
die andere sich stärker entfaltet.!) Auch in dieser Beziehung wird
die Erkenntnis der Begrenzung, die der Leistungsfähigkeit der
Stufenbegrisfe gezogen ist, ihre Verwendbarkeit erhöhen.
1) Es mag hier die Beobachtung eines Geographen erwähnt
werden. O. Schlüter, Die Stellung der Geographie des Menschen in
der erdkundlichen Wissenschaft (1919), S. 24: „Die Brücken bieten
ein treffliches Beispiel dafür, daß es nicht zweckmäßig ist, allgemeine
Entwicklungsstufen für die ganz e Wirtschaft und Kultur der Betrachtung
 zugrunde zu legen, sondern die einzelnen Erscheinungen entwicklungsmäßig
 zu betrachten. Denn die Völker können im Wegebau
und im Brückenbau eine ganz verschiedene Höhe der Fertigkeit gewonnen
 haben. Die kühne Anlage und das kunstvolle Geflecht jener
tropischen Hängebrücken steht oft in starkem Gegensatz zu den nur getretenen
 Pfaden ohne alle Kunstbauten, und wieder die Altperuaner
mit ihren staunenswerten Straßenanlagen zeigten im Brückenbau
vvn dieser hohen Kunkt fast nichts.“
v. Below, Wirtschastsgeschichte 2. Ausl

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