282 V. Die Motive der Zunkftbilduug im deutschen Mittelalter.
doch zugleich Angehörige aller andern Zünfte außer derjenigen,
zu deren Gunsten sie erlassen war.
Sogleich in der ersten Urkunde, die als vollgültiger Zunftbrief
betrachtet werden darf, dem Wormfser Fischerbrief von
ca. 1106, tritt uns die extlusive Tendenz entgegen: das Recht
der Fischerei wird auf eine bestimmte Zahl, auf Erbfischer,
begrenzt, und die Ergänzung der Zahl beim Fehlen eines Erben
genau geregelt, der Ausübung des Gewerbes gegenüber denen,
die außerhalb des Verbandes stehen, eine feste Garantie gegeben!).
Der zweitälteste Zunftbrief, Würzburg 1128, zeigt den Wunsch
der Abwehr fremder Konkurrenz von vornherein in dem für
jene Zeit beträchtlichen Eintrittsgeld (30 Solidi): man wuill
eben im engeren Kreis bleiben?). Der drittälteste Zunftbrief,
Köln 1149, bringt einen Beleg für unsere These dadurch, daß
er von einer Mehrzahl von Zünften der Tegxtilindustrie spricht?).
Wie erklärt es sich, daß im Lauf der Zeit in zunehmendem Maß
Spezialberufe ihren eigenen Zunftverband verlangen, daß
überhaupt die Zahl der Zünfte sich steigert? Die mittelalterliche
Arbeitsteilung ist berufliche Arbeitsteilung, ichafft gesonderte
berufliche Gruppen. Die Mitglieder des Sonderberufs
wollen sich offenbar ihren besonderen Nahrungsspielraum
sichern. Gewiß sind auch hier mannigfache Motive denkbar.
1) Bei diesenFischern kommt als etwas Besonderes noch der Wunsch
der exklusiven Ausnutzung eines begrenzten Objekts hinzu.
2) Ich könnte mich sogar darauf berufen, daß im Jahre 1169
für die Würzburger Schuhmacher der numervs clausus eingeführt
wird. Ich tue es indessen nicht, da der Beschluß von 1169 (der geeignet
ist, den Entwicklungsfanatikern eine Enttäuschung zu bereiten) nicht
auf einer inneren Entwicklung des Gewerbes beruht, sondern durch
einen äußeren, rein zufälligen Umstand verurssacht wird.
3) v. Lösch S. 53 will die Kölner Zunft von 1149 für seine Kontrolltheorie
verwerten. Aber der Zunftbrief bietet nun einmal dafür
keinen Anhalt. Lösch scheint ferner zu meinen (S. 66), daß die exklusive
Tendenz sich „ursprünglich“ nicht oder weniger als später
bemerklich macht. Wie ich im Text darlege, ist sie m. E. von Anfang
an ein sehr starkes Motiv gewesen. Übrigens ist zu beachten, daß Lösch
seine Theorie in erster Linie nur für Köln aufstellt. Doch dürfte sie
auch für diese Stadt nicht zutreffen.