V. Die Motive der Zunftbildung im deutschen Mittelalter. 283
Indessen die Arbeitsabgrenzung zwischen den einzelnen Zünften
beruht doch stets darauf, daß die eine Gruppe von dem
ferngehalten werden soll, was der andern zugesprochen wird.
Der Geist dieser Exklusivität äußert sich denn auch in der Art,
init der die Zunftbriefe den Zunftzwang umschreiben. So
wenden sich zwei Magdeburger Urkunden (für die Wandkrämer
und die Schuster) in charakteristischer Art gegen die Fremden
wie die Städter, die nicht Mitglied der Innung sind, und untersagen
ihnen die Ausübung des Gewerbes!). Es ist begreiflich,
daß diejenigen, die seit längerer Zeit in der Stadt das Handwerk
ausübten, es ungern sahen, wenn die Zahl seiner Vertreter
sich zu sehr mehrte; die alten wollten sich den Abnehmerkreis
sichern. Die Städte jener Zeit haben eine starke Einwanderung;
jeden Augenblick erscheinen neue Personen in der Stadt. Es
ist verständlich, daß die seit einiger Zeit in der Stadt wohnenden
die neu erscheinenden, wenn Jie das gleiche Gewerbe ausüben
wollten, mit Mißtrauen betrachteten. Allerdings war
in jener Periode des schnellen Wachstums der Bevölkerung
die Vervollständigung durch Einwanderer etwas ganz Selbstverständliches;
von den Zunftmitgliedern hatten viele ihren
Geburtsort auswärts?). Allein wenn auch nur ein relativer
Unterschied zwischen dem einheimischen und dem von auswärts
kommenden bestand, so wurde er doch schon früh empfundenÖö).
Die auswärtige Konkurrenz aber äußert sich natürlich nicht
bloß in dem Zustrom der Einwanderer, sondern ebenjo in dem
Warenangebot auswärtiger Gewerbetreibender. Und nicht
bloß von auswärts erhob sich Konkurrenz: innerhalb der Stadt
') Zu den Magdeburger Urkunden vgl. Hoppe, Erzb. Wichmann
von Magdeburg, Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg
1908, S. 261 ff. Über den Ausschluß von Fremden als Motiv der
Zunftbildung s. auch oben S. 241.
2) Die Urkunde von 1149 nennt die Zunftmitglieder sive indigene
sine alienigenae.
s) Die Stendaler Urkunde von 1231 stellt den Gegenjat von
civis und hospes bei der Bewerbung um die Zunftmitgliedschaft auf;
der hospes hat eine höhere Eintrittsgebühr zu zahlen. Freilich bleibt
hier die Möglichkeit verschiedener Interpretation des Wortes hospes.