Full text: Probleme der Wirtschaftsgeschichte

VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus. 411 
Mittelalter sichert den Gewerbetreibenden die „Nahrung“ als 
das Minimum ihrer Ansprüche, läßt ihnen aber noch einen 
beträchtlichen Spielraum für Betätigung eines Gewinnstrebens 
und zieht Schranken nur da, wo die „Nahrung“ bedroht werden 
könnte. Die Setzung dieser Schranken ist etwas Charakteristisches 
und Bedeutungsvolles. Aber gerade die Schranken, die Gebote, 
Verbote beweisen, daß die mittelalterlichen Gewerbetreibenden 
von dem Trieb erfüllt waren, über die bloße Beschaffung der 
„Nahrung“ hinauszugehen und spekulativen Gewinn zu er- 
streben. „Jeder, sei erwer er wolle, der ein „Geschäft", welcher 
Art auch, errichtet, unternimmt zweifellos etwas . . . Daß der 
Soz.- u. W.G. 1906, S. 288 ff.; Nuglisch, Ztschr. f. d. Gesch. des 
Oberrheins 1907, S. 457 ff.; Harms, Volkswirtschaft und Weltwirt- 
schaft S. 92; Siev. king, im Grundriß der Sozialökonomik V, 1, S.8; 
Brentano S. 85; Köhne, Ztschr. f. Sozialwissenschaft N. F. 15, 
S. 328 Anm. 7 und S. 502; Beckmann, Die Bedeutung des Handels 
irn Wirtschaftsleben des Mittelalters, Beilage zur Allg. Zeitung 1904, 
Nr. 106—108; oben S. 179 Anm. 1. Beckmann S. 243: „Nach der 
Meinung der Zeitgenossen wenigstens war auch damals der Kaufmann 
von derselben auri sacri fames beherrscht wie in der „neuen Zeit“. 
Liudprand von Cremona. berichtet im 10. Jahrh. von den Kaufleuten 
von Verdun, daß sie „des gewaltigen Gewinnes wegen“ Eunuchen 
nach Spanien zu verkaufen pflegten; Alpert von Metz tadelt – und 
erklärt ~ zu Beginn des 11. Jahrhunderts an den Bewohnern der 
Stadt Toul ihr Hangen am Gelde mit den Worten: „qui mercatores 
erant". Jakob von Vitry und andere zeitgenössische Schriftsteller 
klagen im 13. Jahrh. über die ,„insatiabilis avaritia- der Genuesen, 
Pisaner und Veneter in Syrien; Günther von Paris spricht in seinem 
Bericht über den vierten Kreuzzug von der Geldgier der Venetianer; 
Thomas von Aguino kennzeichnet in seiner Schrift „über das Regi- 
ment der Fürsten“ das Streben der Kaufleute als die Sucht nach 
Gewinn und tadelt sie als Verbreiter des Eigennutzes; Bonaventura, 
der Biograph des h. Franz, sagt in der Schilderung der Jugend seines 
Helden, daß dieser, trozdem er zu gewinnbringenden Handels- 
g eschäften bestimmt war, doch nicht unter habgierigen Kauf- 
leuten, obgleich dem Gewinn geneigt, auf Geld und Schätze 
gehofft habe.“ Das mittelalterliche Zunfthandwerk spricht es aller- 
dings deutlich aus, daß die Nahrung gesichert werden müssse (V.j.schr. 
f. Soz.- u. W.G. 1914, S. 539), aber eben nur als unzweifelhaftes 
sstwendiges Minimum. Ein gewisser Spielraum für weiteres bleibt
	        
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