Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus. 453
nung zu betrachten sei. In einem ganz allgemeinen Sinne läßt
sich diese Frage gewiß bejahen. Man darf etwa sagen: bevor
Maschinen erfunden wurden, arbeitete man mit der Hand.
Aber hier trifft Windelbands (H. Z. 81, 239) Wort zu: „Was
bleibt bei einer Induktion von Gesetzen des Volkslebens schließlich
 übrig? Es sind ein paar triviale Allgemeinheiten." Es ist
für die Erkenntnis recht wenig gewonnen, wenn man von allen
Besonderheiten, die mit dem Handwerk bei den verschiedenen
Völkern verbunden sind, abhsieht.
Sombart führt die Existenz des Handwerks auf zwei Grundtatsachen
 zurück (S. 135ff.): auf ein bestimmtes Bevölkerungsverhältnis
 und auf eine bestimmte Stufe der Technik. Je langsamer
 die absolute Vermehrung fortschreitet, um so besser für
das Handwerk. Nachdem die Bevölkerung bis zum 13. Jahrhundert
 langsam zugenommen, bleibt sie von da an stehen, bezw.
nimmt hie sogar ab. Ferner ist „Handwert im Gewerbe an die
Voraussetzung geknüpft, daß die agrarische Überschußbevölkerung
gering sei, bezw. was dasselbe ist, daß für die ländliche Zuwachsbevölkerung
 die Möglichkeit bestehe, durch Intensität des Anbaues
 oder Besiedelung von Neuland ihre Arbeitskraft zu verwerten."
 Das ist in Deutschland bis ins 14. Jahrhundert der Fall.
Von da an nimmt die agrarische Überschußbevölkerung an Stärke
zu. Die Technik ist - um hierüber kurz zu sein!) + noch wenig
entwickelt. Gegenüber diesen materiellen Bedingungen handwerksmäßiger
 Produktion haben die Zunsstorganisation und
Zunftgesetgebung die Bedeutung von Hilfskonstruktionen, um
den Bestand des Handwerks zu sichern (S. 159); „Hilfskonstruktionen,
 die schon erkennen lassen, daß von dem Bau selbst Teile
abzubröckeln beginnen oder Teile ins Wanken kommen.“ Die
Blüte des Handwerks datiert Sombart bis zum Ende des 13. Jahrhunderts:
 es ist die Zeit, in der es Hilfskonstruktionen nicht nötig
hat. Dann aber beginnt (S.160) die „Periode der Hilfskonstruk-1)
 Der Abschnitt über die Technik S. 140 ff. enthält übrigens sehr
viel Schönes, abgesehen von der Tendenz, über die ich unten spreche.
Vgl. dazu die 2. Aufl. v. S.s Kapitalismus, oben S. 269 A. 1. und Horwitz,
 Geschichte der Technik, Deutsche Geschichtsblätter 1915. S. 195 ff.
            
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