Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus. 4 )
bröckelt es schon! Und dabei hat das Zunfthandwerk Jahrhunderte
 hindurch ein wahrhaft blühendes Leben gehabt, macht durchaus,
 nicht den Eindruck einer verkünstelten Bildung. Sombarts
Erklärungsversuch versagt also. Liegt es da nicht näher, die Vermutung
 zu Hilfe zu nehmen, daß das Mittelalter und speziell
das deutsche Mittelalter von der Anschauung beseelt war, die
Organisation, wie sie die Zunft gibt, sei nun einmal das Rechte,
Gute, Zweckmäßige, und daß es ferner die Kraft hatte, diese Idee
durchzuführen? Gewiß wird das Idealbild, das in den Köpfen
einer Epoche lebt, durch mannigfache äußere Einzelwirkungen
mitbestimmt. Aber wer wollte es daraus allein herleiten? Und
wie es auch mit der Herkunft eines Rechtsgedankens bestellt sein
mag, er führt weiterhin ein selbständiges Leben und übt eigene
Wirkungen aus. Dabei wollen wir die Zunft als „Hilfskonstruktion“
 keineswegs unterschäten. Sie hat ganz gewiß sehr viel dazu
beigetragen, der handwerksmäßigen Produktion ein langes Leben
zu sichern. Aber sie diente nicht bloß dem Schutze des Handwerkers
 gegen den Kaufmann, hatte nicht bloß eine antikapitalistische
Tendenz, sondern suchte ~ neben andern Zwecken ~ vor allem
auch ein reinliches Verhältnis zwischen den verschiedenen Gewerben
 und einzelnen Handwerkern herbeizuführen.
Diese Bemerkungen leiten uns zu einem weitern Punkt, dec
Würdigungdersozialen, wirtschaftlichen und technischen Leistungen
des zünftigen Handwerks. Es hängt teilweise mit jener Art, wie
Sombart dasselbe zu erklären sucht, namentlich aber mit der
Grundanschauung, von der sein Buch überhaupt beherrscht ist, der
Verherrlichung der modernen Errungenschaften, zusammen, daß
er über die mittelalterlichen Handwerker sehr ungünstig urteilt.
Es ist außerordentlich lehrreich, seine Urteile mit der Darstellung
Gierkes zu vergleichen, der (in seiner Rechtsgeschichte der deutschen
 Genossenschaft, 1868) neben Schönberg!) die lebensvollste
Schilderung von dem mittelalterlichen Handwerk gegeben hat.
!) Schönbergs Abhandlung (s. oben S. 151 ) ist jetzt in ihren Hauptsäteen
 wieder abgedruckt von Plenge in den Annalen f. soziale Politik
Bd. 4, S. 500 ff. und bei Plenge, die Stammformen der vergleichenden
 Wirtschaftstheorie (1919). Zur Literatur über das Zunftwessen s.
auch Pesch III, S. 572 ff.

fk
            
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